Kritische Bibliothek
Bibliotheken für Alle! Veranstaltung in Berlin 28.8.2018

Die Diskussionsveranstaltung in der Tucholsky-Buchhandlung am 28.8.2018 ist –  trotz Abwesenheit von VertreterInnen der etablierten Parteien und Verwaltungen (Bangert und Wöhlert fehlten) – mit ca. 25 TeilnehmerInnen erfolgreich verlaufen,
mit engagierten Diskussionsbeiträgen zu den Rationalisierungstendenzen in den Berliner öffentlichen Bibliotheken (Outsourcing/Privatisierung von Kernaufgaben   wie dem eigenverantwortlichen Bestandsaufbau durch Auftragsvergabe an externe Großlieferanten) und die damit auch verbundene Schädigung der Berliner Buchkultur.

Die Beiträge von Frauke Mahrt-Thomsen und Peter Delin finden Sie hintereinanerd hier im Volltext::

Bibliotheken für Alle!
Diskussionsveranstaltung zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken in Berlin
am 28.8.2018 in der Tucholsky-Buchhandlung
Referat von Frauke Mahrt-Thomsen


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Bibliotheks- und BücherfreundInnen,
mein Name ist Frauke Mahrt-Thomsen von der Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken, von 1967 bis 2008 war ich in der Stadtbibliothek (Friedrichshain-)Kreuzberg tätig, 27 Jahre als Leiterin der Bona-Peiser-Bibliothek in der Oranienstraße, die – obwohl in einem der sozial schwächsten Quartiere Berlins gelegen und erst 1964 gegründet, bereits im Jahre 2014 wieder geschlossen wurde, wie so viele andere Stadtteilbibliotheken.
Ich freue mich, dass Sie so zahlreich erschienen sind und dass wir diese Veranstaltung zusammen mit der in stadtpolitischen Fragen schon immer engagierten Tucholsky-Buchhandlung durchführen können.
Unser Thema heißt: Bibliotheken für Alle! Diskussionsveranstaltung zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken in Berlin, aber auch: Wie retten wir die Berliner Buchkultur, die Vielfalt und Differenziertheit der Bibliotheksbestände und der Berliner Buchhandlungen.
Ich habe miterlebt, wie das Netz der Berliner öffentlichen Bibliotheken seit 1990 in rasantem Tempo geschrumpft ist, von ca. 220 Standorten in der ersten Nachwendezeit auf ca. 115 Standorte im Jahre 2009 und – nach dem letzten, mir vorliegenden, offiziellen Adressenverzeichnis – auf 65 Bezirksbibliotheken und 7 Fahrbüchereien im Jahre 2017 plus die Zentral- und Landesbibliothek mit ihren beiden Standorten am Blücherplatz und in der Breiten Straße.

Dieser übermäßige Schrumpfungsprozess lag nicht an dem Desinteresse der BerlinerInnen an der Benutzung ihrer Bibliotheken oder an der punktuell durchaus sinnvollen Zusammen-legung mehrerer Kleinsteinrichtungen zu Bibliotheken mittlerer Größenordnung, sondern die rigorosen Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen des Berliner Senats seit Mitte der 90er Jahre, ausgelöst zunächst durch den plötzlichen Wegfall der Berlin-Hilfe der Bundesregie-rung, die in den vergangenen Jahrzehnten nie abgelöst wurde durch eine konstruktive Bibliotheksförderpolitik. Auf Bezirksebene wirkten sich die Kürzungsvorgaben umso ungehinderter aus, weil es bis heute weder ein Landes- noch ein Bundesbibliotheksgesetz gibt, dass die Kommunen – wie in anderen demokratischen Bibliotheksländern (Skandinavien, England, USA) – zu gewissen Mindestleistungen verpflichtet. Öffentliche Bibliotheken sind bis heute eine freiwillige Leistung der Kommunen, keine Pflichtaufgabe.

Nicht nur die Erwerbungsetats der bezirklichen Bibliotheken wurden rigoros gekürzt (1993 noch 12,9 Mill. DM = ca. 6,5 Mill. €, 2003 nur 2 Mill. €, 2016 ca. 4 Mill. €), sondern auch das Personal: 2001 gab es in den Bezirksbibliotheken noch 1.098 Stellen, 2016 nur noch 684 = mehr als 1/3 weniger!
Nicht nur, dass Mitte der 90er Jahre die vorhandenen Ansätze zu einer fachlich begründeten Bibliotheksentwicklungsplanung auf Eis gelegt und 1995 Leserausweis-Gebühren eingeführt wurden, die es bisher weder in Ost- noch Westberlin gab, sondern der Senat verordnete in dieser Zeit auch, dass die Bezirksbibliotheken sich bis heute einer neoliberalen, primär an quantitativen Kriterien orientierte Kosten-Leistungs-Rechnung unterwerfen müssen. Diese KLAR zwingt die Bezirksbibliotheken, sogenannte Produkte wie Ausleih- und Besucherzahlen zu definieren und um die billigsten Durchschnittswerte für die Erzielung dieser Produkte miteinander zu konkurrieren. Danach bemessen sich die den Bezirken zugewiesenen Erwerbungsmittel in den kommenden Jahren, eine Schraube ohne Ende, die mindestens für die Hälfte der Bezirke nur abwärts führen kann und die Ungleichheit in der Versorgung der Bevölkerung verschärft. Inhaltliche Fragen, wie die Qualität der Bestände und der ausgeliehenen Medien sowie der Grad der Dienstleistungen für räumlich oder sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten und Quartiere spielen keine Rolle.

Im Wettlauf um das Erreichen dieser Durchschnittswerte, in Folge der Personalkürzungen und des auch vom Rechnungshof ausgeübten Rationalisierungsdrucks gehen die Bezirksbibliotheken im Laufe der 2000er Jahre immer mehr zum Outsourcen ihres Bestandsaufbaus über und erteilen sogenannte Standing Order-Aufträge, zunächst überwiegend an die ekz, die Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken in Reutlingen/ Baden-Württemberg. Die ekz ist inzwischen aber gar keine Gemeinschaftseinrichtung
der öffentlichen Bibliotheksträger mehr, sondern längst in Privatbesitz, in den Händen ehemaliger Bertelsmann-Manager. Nur im Kinder- und Jugendbuchbereich geben die Bezirksbibliotheken ihre Standing-Order-Aufträge teilweise noch an lokale Kinderbuchhandlungen, sonst bleiben für die Berliner Buchhändler zunehmend nur noch die Restsummen-Käufe, Eil-Bestellungen und Bestseller-Abos der Bezirksbibliotheken. Diese betragen nach unserer groben Schätzung nur noch ca. 15-20 % der Etats.

2005 legt eine vom Senat beauftragte, externe Expertenkommission ihren Abschlussbericht über die Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken vor. Dieser stellt fest, dass die selbstgesteckten Ziele mit den Methoden der KLR nicht erreicht werden können und bezeichnet die Probleme des Berliner öffentlichen Bibliothekswesens überwiegend als „hausgemacht“. Die Experten richten die dringende Forderung an den Senat, die unterschiedliche bibliotheksmäßige Versorgung in den Bezirken durch landesweite Vorgaben und direkte Zuschüsse auszugleichen. Der Senat denkt gar nicht daran, den Empfehlungen seiner eigenen Expertenkommission zu folgen. Er findet es auch nicht kritikwürdig, dass der Einkauf der Bezirksbibliotheken zunehmend bei einigen wenigen externen Großlieferanten erfolgt und dass die Neuerwerbungen in wachsendem Maße aus Ratgebern, Bestsellern und Mainstream-Literatur bestehen. Die inhaltliche Verantwortung der Bibliotheksbeschäftigten für den Bestandsaufbau und das Recht der NutzerInnen auf ein differenziertes Buch- und Medienangebot, das sich an den konkreten Bedürfnissen der großstädtischen BezirksbewohnerInnen orientiert, bleibt durch die Standing-Order-Praxis zunehmend auf der Strecke.
Die Zukunftsorientierung der Bibliotheksförderung, die die Senatskulturverwaltung heute so gern für sich in Anspruch nimmt, erschöpft sich überwiegend in der Unterstützung technologischer Innovationen, die zugleich der Wirtschaftsförderung dienen, wie die Einführung der RFID (Radio-Frequenz-Identifikation) für die Ausleihverbuchung, oder – in der jüngsten Phase – durch die Verstärkung digitaler Angebote und Hilfsmittel (Ausweitung der Onleihe, WLAN-Zugang, IPads, Whiteboards, Gamingzonen, Makerspaces, Informationsmonitoren u.ä.).

Die Abschaffung der neoliberalen KLR wird auch vom derzeitigen Kultursenator (im Gegensatz zum Programm seiner Partei Die Linke vor den Wahlen) nicht angestrebt und inhaltliche Weichenstellungen für den Aufbau qualitätsorientierter Buch- und Medienbestände sowie fortgeschrittene Dienstleistungen für alle NutzerInnen im IT-Bereich (z.B. Discovery-Systeme für sehr viele bessere Suchergebnisse bei Recherchen) werden nicht in Angriff genommen.

Die Bürgerinitiative (vormals: Arbeitskreis) Berliner Stadtbibliotheken hat Dr.Klaus Lederer
in einem Brief vom 22.4.2017 zu einer grundsätzlichen Kehrtwende in der Berliner Biblio-thekspolitik aufgefordert und ihn dringend gebeten, notwendige Schritte zu einer Verbesse-rung der mehr als bescheidenen Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken einzuleiten. Nach einer völlig unbefriedigenden Antwort, die darauf schließen ließ, dass es selbst für seine nachgeordnete MitarbeiterInnen zu viel der Mühe war, unseren Forderungskatalog genauer durchzulesen, haben wir dem Senator am 21.8.2017 die Forderungen noch einmal in Kurzform, in einem 7-Punkte-Programm übermittelt.

Unsere Forderungen lauten:
1. Abschaffung der Kosten-Leistungs-Rechnung wegen ihrer schädlichen und kontraproduktiven Auswirkungen auf die Bestandsqualität aller Bezirksbibliotheken
und auf die gleichwertige Versorgung aller BürgerInnen mit Bibliotheksdienstleistungen,
2. Massive Aufstockung der den Bezirken zugewiesenen Erwerbungsetats, um differenzierte, an den tatsächlichen Bedürfnissen der BenutzerInnen orientierte Buch-
und Medienbestände aufbauen zu können,
3.Qualitativ anspruchsvolle, von FachkollegInnen vor Ort ausgewählte Buchbestände bleiben für die BenutzerInnen das Kernangebot öffentlicher Bibliotheken, der Beweis dafür wurde in mehreren, auch internationalen Umfragen erbracht. Die Standing Order/Outsourcing-Praxis, die Auftragsvergabe an auswärtige Buch-Großkaufhäuser muss abgeschafft werden, da sie die schrittweise Privatisierung einer Kernaufgabe der öffentlichen Bibliotheken, eines Bestandsaufbaus, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, bedeutet. Aussonderungen aus den Beständen dürfen nur aus inhaltlichen Gründen vorgenommen werden, nicht primär, um die Umsatz- oder KLR-Statistik zu verbessern.
4. Ein umfassendes Sonderprogramm für die Sanierung und Neugestaltung der Bezirksbibliotheken ist erforderlich (Kostenschätzung: ca. 50 Mill. €), zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und der Nutzungsmöglichkeiten für alle StadtteilbewohnerInnen,
5. Aufstockung des Personals nach anerkannten Kennzahlen vorhandener Bibliotheksentwicklungspläne. Zügige Bearbeitung und Inkraftsetzung eines Berliner Bibliotheksentwicklungsplans und eines Berliner Bibliotheksgesetzes, dass die ausreichende Ausstattung und Finanzierung der Bezirksbibliotheken zu Pflichtaufgabe macht,
6. Beschleunigter Ausbau der ZLB an dem inzwischen endlich festgelegten Standort (AGB/Blücherplatz), unter Berücksichtigung der notwendigen und zukünftigen Aufgaben als funktionierende Zentralbibliothek aller Bezirke,
7. Der begonnene, von der Senatspolitik hochgelobte Einstieg in die „Digitalen Welten“ bedeutet nicht automatisch eine qualitative Verbesserung. Es geht um die umfassende Erhöhung der Qualität aller Serviceangebote der öffentlichen Bibliotheken, analog und digital.

Ich übergebe das Wort an meinen Kollegen Peter Delin, der Sie als ehemaliger Mitarbeiter der Zentral- und Landesbibliothek aus jahrzehntelanger Kenntnis heraus über die gravierenden Veränderungsprozesse informieren wird, die mit Zustimmung der Kulturverwaltung dabei sind, die Qualität des Bestandsaufbau unserer größten öffentlichen Bibliothek rapide zu verschlechtern und die bewährte Zusammenarbeit mit Berliner Buchhandlungen aufzukündigen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Frauke Mahrt-Thomsen

Bibliotheken für Alle!
Diskussionsveranstaltung zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken in Berlin
am 28.8.2018 in der Tucholsky-Buchhandlung
Referat von Peter Delin

Wenn heutzutage die unbefangene Zeitungsleserin oder der interessierte Radiohörer sich kundig machen wollen über Bibliotheken, können sie doch ganz schön ins Grübeln kommen.

„Lest nicht! Begegnet euch!“ 1) titelte die Süddeutsche Zeitung. Als Vorbild für eine moderne und zukunftsgewandte Bibliothek gilt das neue Dokk1 im dänischen Aarhus. „Bücher sind hier nur in Nebenräumen vorhanden…

Und in der  FAZ lesen wir zu dieser Bibliothek der Zukunft: „Und wo sind die Bücher? Die stehen abseits, am Rand. Knud Schulz, der „Manager“ von Dokk1, hat nicht viel Mitleid für sie übrig: „Eine Bibliothek muss sich in erster Linie mit den Menschen beschäftigen, nicht mit Büchern“, sagt er und beteuert, dass der Mehrwert eines Bibliotheksbesuchs in seinen Augen nicht mehr darin bestehe, an Informationen zu gelangen, sondern in der Vergemeinschaftung.“ Die Bibliothek habe sich zu einem Ort verwandelt, an dem der Bürger im Mittelpunkt stehe, proklamiert Schulz selbstbewusst, – „ohne von Bücherwänden erschlagen zu werden“ 2).

Und in der Zeit ergänzt der Bibliothekschef aus Aarhus: „Wir wollen die Nutzer dazu bringen, Bücher nicht mehr als Erkennungsmerkmal einer Bibliothek zu sehen“… „Heute trägt doch schon jeder eine Bibliothek mit sich herum“, sagt Schulz und zückt sein Smartphone. 3)

Weiß der arme Mann nicht – immerhin ist er auch Bibliothekar – , dass fast die gesamte Buchproduktion des 20. und 21. Jahrhunderts urheberrechtlich geschützt ist und deshalb nicht kostenfrei im Internet steht, seine Leserinnen und Leser davon also nichts auf ihrem Smartphone finden werden?

Manche deutsche Bibliothekare haben ihre dänische Lektion bereits gelernt, so auch Hannelore Vogt, die Bibliotheksdirektorin von Köln. In Deutschlandradio Kultur verkündete sie: „… es geht um Wissensvermittlung und nicht um das Ausgeben von Büchern, die gibt es auch noch… und wenn Sie gerade den 3D-Drucker ansprechen, den wir schon seit fünf Jahren hier haben, da geben Kölner für andere Kölner Kurse und zeigen, wie mache ich eine Datei für einen 3D-Drucker, wie funktioniert 3D-Druck und die Bibliothek, – die ist eigentlich nur der Ort, der die Infrastruktur stellt, die Menschen zusammenbringt für den Austausch des Wissens…“ 4)

Schlecht für diese avantgardistische Bibliothekarin, dass nach ihr auch Leser live im Radio zu Wort kamen, z. B. Herr Wunder aus Hamburg. Moderator: „Was machen Sie denn in der Bibliothek?“. Herr Wunder: „Ich leihe mir einfach viel aus…“ Frau Edel aus Hamburg über sich und ihre 16jährige Tochter: „Wir wühlen hier und wir wühlen da und wir kommen mit kiloweise Büchern wieder zurück…“ 4)

Und damit sind wir wieder in der Wirklichkeit angekommen, z. B. hier in Berlin. Trotz aller Defizite sind die öffentlichen Bibliotheken der Stadt die „Powerhäuser“ für Bücherfreunde und das Rückgrat der Buchkultur. Ein Medienbestand von 7,4 Mio. (4 Mio. Bezirke, 3,4 Mio. ZLB) mit 24,6 Mio Ausleihen im Jahr (21 Mio. Bezirke, 3,6 Mio. ZLB) zeigt deutlich, worauf es den Berliner*innen ankommt. 400.000 haben eine Bibliothekskarte, 76.000 melden sich jedes Jahr neu an. 9 Mio. mal besuchten sie eine öffentliche Bibliothek, davon allein 1 Mio. mal die Bibliotheken hier im Bezirk Mitte – eine Ameisenstraße zu Kultur und Bildung, wie sie nur Bibliotheken bieten können.

Solche Nutzungszahlen lassen sich nur mit einem reichhaltigen Buchangebot erzielen, niemals mit Schulungen, Leseplätzen, Maker spaces, fablabs, 3D-Druckern, Veranstaltungen oder anderen Events, die es in Berlin ja im Übermaß gibt. Das zeigen allein schon die immer wieder ermittelten Publikumswünsche: Bei repräsentativen Umfragen zur Nutzung von Bibliotheken liegt nämlich die Medienauswahl und -nutzung immer mit weitem Abstand vor allen anderen Nutzerbedürfnissen, so bei der repräsentativen Umfrage „NuMoB – Nutzermonitoring für Bibliotheken“ 5) 2014 in Berlin – für 79% der Nutzer steht die Medienauswahl im Mittelpunkt – , ebenso wie bei der bundesweiten Allensbach-Studie „Die Zukunft der Bibliotheken in Deutschland“ 6) von 2016. 76 Prozent der Befragten möchten vor allem ein umfangreiches Angebot an Büchern, E-Books, Zeitschriften, Musik und Filmen.

Warum sind Bücher so beliebt und auch so unverzichtbar für eine zivilisierte Gesellschaft? – weil in ihnen eine ungeheure Produktivität steckt. Fachleute haben daran oft Jahre lang gearbeitet. Bücher machen uns dieses Wissen dann leicht zugänglich. Bücher sind tatsächlich das einzige Medium, das uns komplexe Zusammenhänge verständlich vermitteln kann.

Jörg Bong, der verlegerische Geschäftsführer des S. Fischer-Verlags schrieb in seinem Artikel „Das Buch als Kulturgut – Eine starke Waffe für die Demokratie“ in der FAZ:

Das Buch ist entstanden und kann vergehen: viele einst mächtige Kulturformen sind vergangen. Das Buch – seine besondere heutige – Funktion darf es nicht… Das Buch vermag einer hyperkomplexen Realität zu genügen. Das schafft kein Tweet. Denn alle diese Schrumpfformen sind unfähig, unserer Gegenwart adäquat zu begegnen.

Sein Umfang ist kein Selbstzweck, sondern ein unentbehrliches Potential… Es gestattet, Zusammenhänge herzustellen. In Ruhe und mit Zeit. Im besten Falle ermöglicht es, aus Informationen Wissen – und Bewusstsein – werden zu lassen. Ein Prozess, den wir dringend benötigen, weil Lesen in der explodierenden Bilderflut zum „Überfliegen“ verkommt.“ 7)

Ja, die Buchkultur kann vergehen und Aarhus gibt es jetzt auch in Berlin. Das Rückgrat des Verbunds der öffentlichen Bibliotheken, die Zentral- und Landesbibliothek, ist in ihrer Qualität davon akut bedroht.

Als Universalbibliothek ist diese größte öffentliche Zentralbibliothek Deutschlands mit ihren 3,4 Mio. Medien nach der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz die bedeutendste Bibliothek im Land Berlin, salopp gesagt die „Staatsbibliothek fürs Volk“. Sie ebnet mit ihrem jährlichen Zugang von ca. 60.000 Medien für das allgemeine Publikum tatsächlich den Weg zur Weltkultur und den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft.

Dieses Profil ist heute allerdings gefährdet – durch eine fast totale Privatisierung der Bestandsauswahl für 75 bis 85 % des Erwerbs an den Buchhandelskonzern Hugendubel in München. Die Vielfalt der Medienauswahl wurde dabei reduziert und anders ausgerichtet: auf ein populistisches Freizeitprofil und ein rein zweckgerichtetes Profil für die Ausbildung.

Die Medienauswahl und der Aufbau einer fachlich kontrollierten Sammlung soll in der ZLB zukünftig nicht mehr im Zentrum der Arbeit stehen. Eine damit abgestimmte digitale Agenda ist damit wohl überflüssig. Sie liegt jedenfalls bis heute nicht vor. Der Bestandsaufbau wurde in einem Blitzverfahren, einer Art Schock-Strategie, wie Naomi Klein das einmal genannt hat, gegen den Widerstand der Fachleute innerhalb von nur zwei Jahren privatisiert, um Personal für nicht näher bestimmte, völlig vage „Zukunftsaufgaben“ freizustellen, wie z. B. für Veranstaltungen und andere Events nach dem Muster von Aarhus. 20.000 Protestunterschriften dagegen wurden von der Kulturverwaltung einfach ignoriert.

Die ZLB verändert ihr Gesicht auch räumlich radikal. Die frei zugänglichen Flächen für systematisch aufgestellte Medien, also die nach Inhalten geordnet sind, werden reduziert und die Medien ins geschlossene Magazin verschoben, – obwohl doch das allgemeine Publikum so sehr auf einen freien und unkomplizierten Zugang darauf angewiesen ist. Stattdessen gibt es noch mehr Leseplätze, Aktionszonen und vorformatierte Präsentationen zu aktuellen Themen. Dem studentischen Publikum, dem in Berlin bereits drei große Zentralbibliotheken neu gebaut worden sind, wird mit immer mehr Arbeitstischen der rote Teppich ausgerollt, vor allem in der Berliner Stadtbibliothek. Sie ist schon heute praktisch eine Bibliothek hauptsächlich für Studierende, die dort im Lesesal arbeiten wollen. Das nichtakademische Publikum wird dadurch verdrängt, statt dass ihm ihm für die Berufsausbildung ein spektakulärer Medienbereich für das Fach Wirtschaft mit den MINT-Fächern und dem Bereich Medizin angeboten wird. 80.000 Auszubildende im dualen System werden hier einfach ignoriert. Das ist auch ein Verstoß gegen den gesetzlichen Auftrag der Bibliothek. Im Stiftungsgesetz der ZLB heißt es: „…[sie] leistet insbesondere die benutzerorientierte Literatur- und Informationsversorgung [!] für den tertiären Bildungsbereich außerhalb der Berliner Hochschulen.“ (Zentralbibliothekensstiftungsgesetz ZLBG, §2 (1) Stiftungszweck und Aufgaben 8).

Genauso wie in Aarhus lautet das Credo der Leitung der ZLB „In unserer sich wandelnden Gesellschaft mit Zugang zu Informationen und Medien rund um die Uhr im Internet, kann und darf der Schwerpunkt bibliothekarischer Arbeit nicht mehr auf dem Bestandsaufbau liegen“ (Website der ZLB 9).

Das aber ist völlig falsch! Gerade eine so große und differenzierte Bibiothek wie die ZLB braucht wieder einen Stab qualifizierter, inhaltlich eigenständiger Fachlektoren, so wie es kürzlich in der Süddeutsche Zeitung für die Stadtbibliothek München gepriesen wurde: „Die 13 Bücherwühler von München – Spezialisten entscheiden, welche Medien ins Regal kommen“ 10). Nicht umsonst ist diese Stadtbibliothek die Zweitbeste aller großen Großstadtbibliotheken in Deutschland – nach der Berliner Zentral- und Landesbibliothek. Nur so bildet sich eine große Bibliothek ein verläßliches inhaltliches Rückgrat. Fachlektoren sind ebenso unverzichtbar wie die Redakteure von Zeitungen oder die Lektoren in Verlagen. Denn das alles sind Institutionen, in denen die Inhalte im Mittelpunkt stehen.

Die Buch- und Medienauswahl kann sehr effektiv, kostengünstig und zugleich von hoher Qualität sein, wenn die Fachlektoren mit spezialisierten Fachbuchhändlern vor Ort als ihrem Gegenpart zusammenarbeiten können. Dafür ein Beispiel: Der in Berlin renommierte Fachbuchhändler für Theater und Film in der Buchhandlung Bücherbogen, Joachim Weiduschat, sicherte lange Zeit in Zusammenarbeit mit dem entsprechenden Fachlektorat der ZLB eine schnelle und kompetente Auswahl der relevanten Theater- und Filmliteratur auf allen Niveaus, und zwar national und international, sehr zur Freude des interessierten Publikums! Das gilt in gewisser Hinsicht auch für Bezirksbibliotheken. Die Stadtbibliothek hier in Mitte garantiert einen qualitativ hochwertigen Kinderbuchbestand durch die Kooperation mit der Spezialbuchhandlung Anagram, die aus dem renommierten Kinderbuchladen Kreuzberg hevorgegangen ist. Eine populär ausgerichtete Buchkaufhauskette kann das in beiden Fällen nicht leisten.

Genau das ist das Modell, das wir in Berlin verfolgen müssen. Lokaler Buchhandel und öffentliche Bibliotheken arbeiten zusammen. Damit fördern wir die Buchkultur, die als geistiges Ökotop für eine weltoffenene Metropole unverzichtbar ist. Ein „Höchstmaß an wirtschaftlichem Einsatz von Fremddienstleistungen“ (internes Papier der ZLB), wie das die Leitung der ZLB erklärtermaßen in allen Bereichen der Bibliothek durchsetzen will, ist dafür kein Kriterium, also nicht geeignet. Nach meinen Schätzungen verliert der lokale Berliner Buchhandel jedes Jahr ca. 3,4 Mio. Euro, die nach München und Reutlingen gehen. Das schadet der Buchkultur in unserer Stadt.

Links zu den Zitaten:

  1. https://www.sueddeutsche.de/kultur/zukunft-von-bibliotheken-lest-nicht-begegnet-euch-1.3895378
  2. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/die-zukunft-der-bibliothek-das-dokk1-in-aarhus-13834316.html
  3. http://www.zeit.de/2015/46/bibliothek-daenemark-open-library
  4. http://www.deutschlandfunk.de/das-bildungsmagazin-haben-bibliotheken-eine-zukunft.680.de.html?dram:article_id=412064
  5. https://kipdf.com/ergebnisbericht-nutzung-und-einstellungen-zu-den-angeboten-und-dienstleistungen-_5ac4f2f41723dd240dcf74e1.html
  6. https://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/IfD/sonstige_pdfs/11048_Bericht_ekz_Bibliotheken.pdf
  7. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/das-buch-ist-eine-starke-waffe-fuer-die-demokratie-15369153.html
  8. https://www.zlb.de/fileadmin/user_upload/die_zlb/pdf/zentralbibliotheksstiftungsgesetz.pdf
  9. http://docplayer.org/47541737-Die-bibliothek-der-zukunft.html
  10.  https://www.sueddeutsche.de/muenchen/neubeschaffung-die-buecherwuehler-1.4092023  

………………………………………………………………………………………………………

Diskussionsveranstaltung zur Zukunft der öffentlichen Bibliotheken in Berlin am Dienstag, d. 28.8.2018, 20 Uhr, in der
Tucholsky-Buchhandlung, Tucholsky-Straße 47, 10117 Berlin.
Einführungen von Frauke Mahrt-Thomsen und Peter Delin / Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken, und Johanna Hahn / Geschäftsführerin des
Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, LV Berlin-Brandenburg e.V.
Angefragt bei: Sabine Bangert / Bündnis 90 / Die Grünen, Vors. Ausschuss f. Kulturelle Angelegenheiten, und Dr.Torsten Wöhlert / Staatssekretär für Kultur
Anschließend Diskussion. Moderation:Jörg Braunsdorf / Tucholsky-Buchhandlung

Die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken hat ihre Kritik an der unzureichenden erliner Bibliothekspolitik auch unter dem neuen Kultursenator bereits in mehreren Veranstaltungen, Diskussionsforen und in Briefen an Dr. Lederer deutlich gemacht.

Wir fordern die Verbesserung der materiellen und personellen Rahmenbedingungen für die Bezirksbibliotheken, die Abschaffung der neoliberalen, Ungleichheit verstärkenden Kosten-Leistungsrechnung, ein umfassendes Sanierungs- und Ausbauprogramm und
die Orientierung an Qualitäts- statt Quantitätskriterien bei Medienerwerb und Bestands-pflege sowie bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen, auch im digitalen Bereich.

Die fachliche Servicequalität aller Berliner BibliotheksmitarbeiterInnen und der außer-ordentliche Rang der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), insbesondere in Bezug
auf ihren Bestand, darf nicht gefährdet werden durch die Übertragung bibliothekarischer Kernkompetenzen an auswärtige Buch-Großkaufhäuser wie ekz bibliotheksservice und Hugendubel/München. Die jahrzehntelang gewachsene, vertrauensvolle Zusammenarbeit der Berliner Bibliotheken mit ihren Buchhandlungen vor Ort wird zunehmend durch Mainstream-Angebote ersetzt. Das ist eine ernsthafte Gefährdung der Berliner Buchkultur!

Eine Kommentar zu Bibliotheken für Alle! Veranstaltung in Berlin 28.8.2018

  1. lOlO sagt:

    Welche digitalen Dienstleistungen werden denn genau gefordert?

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