Kritische Bibliothek
Wikipedia negiert die Frauen

Erst kürzlich habe ich die Wikipedia-Seite über Bona Peiser, die erste deutsche Bibliothekarin, überarbeitet (s.http://de.wikipedia.org/wiki/Bona_Peiser) und stellte fest, dass unten bei den Kategorien vorher eingetragen worden war: Bibliothekar und Deutscher. Ich änderte die erste Kategorie in Bibliothekarin.
Das wurde nach der routinemäßigen Sichtung durch einen Wikipedia-Redakteur nicht übernommen und ich bekam von ihm den Hinweis:

„Bitte beachte, dass alle Formulierungen wie ‚Bibliothekar/innen‘, ‚BibliothekarInnen‘, ‚Bibliothekare und Bibliothekarinnen‘ bei WP nicht verwendet werden. Wir unterstellen, dass ‚Bibliothekar‘ sowohl weibliche wie männliche Exemplare umfasst.“
(Andreas K., 8.1.2012)

Vom Wikimedia Support Team erhielt ich auf meine Beschwerde hin folgende Antwort:

„Die überwiegende Verwendung des generischen Maskulinums beruht bislang auf geübter Praxis innerhalb der Wikipedia-Community. Für die Benennung der Lemmata, also der Artikelüberschriften, gibt es eine formulierte Regelung dazu, die überwiegend auch auf Artikeltexte angewandt wird:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Namenskonventionen#M.C3.A4nnliche_und_weibliche_Bezeichnungen
Das kann bedauert oder kritisiert werden – bislang haben sich alternative Schreibweisen nicht durchsetzen können und es kann passieren, dass einzelne Bearbeitungen mit Binnen-I von anderen verändert werden.

Immerhin ist es seit kurzem angemeldeten Autorinnen möglich, unter der Bezeichnung Benutzerin:YYZ (statt: Benutzer:YYZ) in Erscheinung zu treten, und immerhin wird vielerorts das Thema der Unterrepräsentanz von Frauen in der Autorenschaft der Wikipedia thematisiert. Dennoch kann ich Ihnen keine konkrete Hoffnung auf einen Wandel in der Haltung zum generischen Maskulinum machen.“ (Robert S., 8.1.2012)

Immerhin darf eine Autorin sich tatsächlich als Benutzerin bezeichnen!
Ein unglaublicher Fortschritt nach 150 Jahren Frauenbewegung!

Was ist Eure Meinung zu Wikipedias Umgang mit den Frauen?

Frauke Mahrt-Thomsen

17 Kommentare zu Wikipedia negiert die Frauen

  1. irene sagt:

    wir haben genau deshalb beschlossen, ein eigenes wiki zu installieren. wir wollen nicht in unsere Form des kollektiven Gedächtnisses an Frauen reinredigiert haben, und sicher möchten wir auch kleienre lokale Verein repräsentiert sehen, die rausfliegen würden. LG if

    Ergänuzende Mitteilung von Irene:

    Das wiki kommt erst in den nächsten Wochen, angebunden an
    http://www.frauengeschichtsverein.de
    LG Irene

  2. Ronny Sternecker Ronny sagt:

    Hallo Irene,

    denkst du, dass euer Schritt sinnvoll ist? Dass die Wikipedia in Vollständigkeit und Umfang nicht zu übertreffen ist kann ja sicher nicht angezweifelt werden. Wäre es nicht sinnvoller den Arbeitsaufwand, welcher für ein eigenes Wiki entsteht, eher in „Überzeugungsarbeit“ beim deutschen Wikipedia zu stecken?

    • irene sagt:

      Grundsätzlich hast du recht, aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass das ‚große‘ wiki Beiträge aus kleineren übernimmt, – wenn das der Weg ist, müssen wir zumindest zur Zeit den Umweg gehen. Bei Frauen heisst es halt des öfteren, ihre Biographgien seien zuz unwichtig. Außerdem können wir so schon kürzere Infos eingeben, die für das ‚große‘ Wiki nicht reichen und auf Ergänzung hoffen. Es ist also unter dem Aspekt ein – ggf. vorübergehendes – Arbeitsinstrument.

  3. Eberhard sagt:

    Ich teile in diesem Punkt die Sichtweise von Wikipedia. Willkürlichkeiten wie ein „Binnen-I“ und ähnliche „gender“-mäßige Sprachverballhornungen beruhen auf einer verwechselnden Gleichsetzung von natürlichem und grammatikalischem Geschlecht. In der deutschen Sprache werden mit dem „generischen Masculinum“ Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen. Beispiel; Das Wort „Bürger“ umfasst also männliche und weibliche Bürger. Anreden wie „Liebe Bürgerinnen und Bürger“ sind daher unnötiger Unfug – zumal in den meisten Kontexten das (natürliche) Geschlecht keine Rolle spielt.
    Eberhard

    • CH sagt:

      Diese Sicht teile ich nicht, aber Wikipedias Position ist zumindest technisch leicht erklärbar. Wenn ich alle deutschen Bibliothekswesen in Wikipedia haben möchte, kann ich mir das über zwei Kategorien zusammenbasteln. Gäbe es je 2 Kategorien, wären es schon jeweils vier Kategorien, die es zu verbinden gilt.

      Vielleicht lohnt sich eine Anfrage an das Wikidata-Team, das ja an einer neuen Datenbasis für Wikipedia arbeitet. Oder aber an Wikimedia. Ich empfehle da einfach mal Mathias Schindler als umgänglichen Ansprechpartner. Wenn er nicht der Richtige sein sollte, wird er sicherlich Infos haben, wer es ist.

    • Cathrin sagt:

      aber wenn es um eine Frau geht sollte sie auch als solche bezeichnet werden können. Ein hoch technisiertes System kann es ja wohl möglich machen, dass wir auch Bibliothekarinnen und andere Berufsbezeichnungen benutzen können. Und für Männer scheint das ja auch überaus wichtig sonst könnten wir ja mal umkehren und nur die weibliche Form nehmen. Dann bräuchte es auch nicht soviel Verknüpfungen.

      Grüße

  4. Pingback: Infobib » Arbeitskreis “Kritische Bibliothek”

  5. Bin hin- und hergerissen. Ein eigenes Wiki, in der solche Punkte nicht ausgehandelt werden müssen, die Relevanz von Bibiothekarinnen nicht in Frage gestellt wird etc. ist deifnitiv eine gute Idee! Gleichzeitig sollte das Problem mit und in der Wikipedia deutlich markiert werden. Daß auch höchst wichtige Wikipedianerinnen wie Sue Gardner dieses als eines der größten (wenn nicht das größte) Problem der Wikipedia proklamieren (vgl. http://suegardner.org/2011/01/31/new-york-times-prompts-a-flurry-of-coverage-of-wikipedias-gender-gap/) weißt daraufhin, daß solche Hinweise nottun + auf lange Sicht nicht wirkungslos bleiben.

    • CH sagt:

      Wobei man sich sicher sein darf, dass diese Diskussion im dt. Wikipedia sicherlich nicht in näherer Zeit einem gütlichen Ende zugeführt wird.

      Das eigene Wiki hat natürlich Charme, ob aber die kritische Masse für ein tatsächliches lebendiges Wiki zustande kommt? Abgesehen davon, ist Wikigärtnerei ein zeitraubendes Hobby. Wie sehr so ein Wiki unter nicht vorhandenen Autoren und auch unter Spam leiden muss, sieht man aktuell ganz gut im Nischenwiki BIT-Wiki. Spam, Spam, Spam, und keine einzige „echte“ Bearbeitung zu sehen.

  6. jge sagt:

    @Eberhard

    Hadumod Bussmann, die Herausgeberin des Lexikons der Sprachwissenschaft bei Kröner, hat in einem Vortrag schon Mitte der 90er Jahre an der Uni Göttingen eindrucksvoll mit Beispielen belegt, dass die Rezipierenden von Äußerungen auch grammatisches und natürliches Geschlecht verwechseln. Will sagen: In vielen Äußerungskontexten nützt es nichts zu wissen, dass die männliche Bezeichnung beides meint — unwillkürlich hört man dann doch nur das Männliche. Vereinfachtes Bsp.: „Als ein Bürger befragt wurde, wie er die Kandidatin fände, wollte er sich nicht dazu äußern — er war die Mutter der Kandidatin.“

    • Eberhard sagt:

      Eindrucksvoll… das Beispiel der Dame ist aber nicht wirklich klug, um nicht zu sagen, einfach nur dumm. Hier ist ja von EINEM Bürger die Rede, und natürlich ist HIER die grammatikatlische Ausformung des weiblichen Geschlechts („Bürgerin“) kein Problem und führt zu keinerlei Sprachverhunzung. Anders verhält es sich bei mehreren oder vielen Menschen – hier „denkt“ man bei z.B. „Liebe Berliner“ durchaus an ALLE Berliner Menschen (also an Männlein und Weiblein gleichermaßen). Und, wie schon gesagt, in den meisten Kontexten spielt das (natürliche) Geschlecht keine Rolle.
      Mit Sprache, einem wertvollen Erbe, sollte man sorgsam umgehen und sich jedem Gender-Neusprech (und den dahinterstehenden Manipulationsversuchen) mit den besseren Argumenten überzeugt entgegenstellen, meint
      Eberhard

      • Sebastian Pampuch sagt:

        Hallo, die Aussage „Mit Sprache, einem wertvollen Erbe, sollte man sorgsam umgehen und sich jedem Gender-Neusprech (und den dahinterstehenden Manipulationsversuchen) mit den besseren Argumenten überzeugt entgegenstellen“ würde ich gerne kommentieren. Sprache ist alles andere als eine feste und unumstößliche Entität, sondern unterliegt steter Veränderung, ist also „lebendig“. Als Medium sozial organisierter und handelnder Wesen unterliegt sie damit selbstverständlich auch Machtfaktoren, wie etwa beim Gebrauch sprachlicher Rassismen schnell einleuchtet. Insofern spiegeln sich im Primat der männlichen Form für Männer und Frauen natürlich entsprechende Dominanz- bzw. Machtverhältnisse wider, verfestigen und reproduzieren sie – und sind durch eine bewusste Veränderung in der Sprachpraxis wiederum beeinflussbar. Die Soziolinguistik befasst sich ausgiebig mit solchen Themen. Herzliche Grüße, Sebastian

        • Eberhard sagt:

          Selbstverständlich wandelt sich Sprache ständig, entsprechend der Umgebung der Sprecher, einschließlich aller Umwelt-, Medien- und Machteinflüsse. So spiegelt Sprache natürlich auch diese Umgebung wider. Durchaus kann das generische Masculinum Resultat einer früher gegebenen Vormachtstellung von Männern sein. Soweit hat Sebastian recht.

          Zu unterscheiden ist aber zwischen natürlicher Veränderung der von den Sprachteilhabern verwendeten Sprache durch Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung und der gewollten, „künstlichen“ Sprachmanipulation der (im weitesten Sinne) veröffentlichten Sprache durch Diktaturen, Meinungsführer oder sonstige Interessengruppen. Jeder Sprachmanipulation liegen die Interessen der Urheber zugrunde und nicht die der gesamten Sprechergemeinschaft.

          Gerade die heutigen Gegebenheiten zeigen aber sehr deutlich, dass die frühere Vormachtstellung von Männern auch etwa durch das generische Masculinum nicht aufrecht erhalten blieb. Auch Diktaturen haben sich trotz aller Sprachmanipulationen nicht dauerhaft stabilisieren können, und ebensowenig wirken heutige Sprachmanipulationen, wenn sie von der von den Sprechern tagtäglich erlebten Wirklichkeit zu stark abweichen und daher nicht ernst- und angenommen werden. (Dies zu untersuchen, wäre überdies ein interessantes Thema für die heutige Soziolinguistik!)

          Sprachmanipulationen machen mich grundsätzlich misstrauisch, ganz gleich, welch hehre Ziele die Urheber vorgeblich verfolgen.

          Herzliche Grüße
          Eberhard

          • Sebastian sagt:

            Impliziert Ihre Aussage nicht eine Homogenität der Sprechergemeinschaft, die es gar nicht gibt? Nehmen wir z.B. die Kämpfe von US-Amerikanern afrikanischer Abstammung innerhalb einer von weißen europäischstämmigen Menschen dominierten Gesellschaft. Viele ihrer kritischen Intellektuellen bevorzugen mittlerweile die Selbstbezeichnung „African-Americans“ – ein langer Weg von all den N-Wörtern bis dahin. Oder nehmen wir das deutsche Wortungetüm „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ – ein Synonym doch wohl primär für Deutschtürken und Deutscharaber, damit an physischen und religiösen Merkmalen orientiert, um nicht zu sagen rassistisch und islamophob konnotiert – oder käme Ihnen bei diesem Begriff das hier geborene und aufwachsende Kind zweier weißer Franzosen oder Engländer in den Sinn, beide bildungsbewusste und sozial abgesicherte eingewanderte Akademiker? Um zum eigentlichen Thema zurückzukommen – ich halte es durchaus für plausibel, wenigstens einen Zusammenhang anzunehmen zwischen den Bemühungen, das generische Masculinum aufzulösen, und bislang errungenen Frauenrechten – und meine auch, immer noch eine klare Vormachtstellung von Männern ausmachen zu können. Sicher lässt sich in einer Diktatur direkter manipulieren, auch die Sprache – aber entsprechend subtiler äußert sich m.E. eben der manipulative Charakter von Sprache z.B. in westlichen Demokratien. Der Linguist Noam Chomsky soll einmal eine Ökonomisierung des Englischen im Sinne einer Sprachreduktion behauptet haben, worin er die allumfassende Durchökonomisierung der Lebensrealität ausgedrückt sehen wollte.

  7. Patrick sagt:

    Hallo,

    aus technischer Sicht kann ich sagen, dass es bereits sehr aufwändig ist, ein multilinguales System zu bauen. Umso aufwändiger ist es, wenn dann auch noch abhängig vom Geschlecht des Benutzers oder abhängig von Systeminhalten unterschiedliche Begriffe verwendet werden sollen.

    Wenn ich z.B. in einer Datenbank nach allen männlichen und weiblichen Schauspielern suchen möchte, was verwende ich als Suchbegriff? Nehme ich „Schauspieler“? Was ist, wenn ich bei einer anderen Suche nur männliche Schauspieler finden will? Nehme ich dann auch nur „Schauspieler“? Man kommt hier dann schnell in Bereiche, in denen anderen Funktionalitäten unnötig schwierig und auch schlechter bedienbar werden.

    Ich bin ein Freund der Gleichstellung. Ich sehe aber auch, dass es manchmal zu großen Aufwand produzieren würde, sie komplett durchzuziehen.

    Viele Grüße,
    Patrick

  8. Liane sagt:

    Wikipedia ist international, und ich sehe das Problem, dass es manchmal zwei Bezeichnungen gibt und manchmal nicht. In der englischen Sprache heißt es beispielsweise librarian und ist unabhängig vom Geschlecht. In der deutschen Sprache müsste man jedoch zwei Seiten einrichten, einmal Bibliothekarin und einmal Bibliothekar. Das finde ich nicht gut! Natürlich könnte man sich mit irgendeiner „In-Variante“ behelfen, um bei einer Kategorie zu bleiben. Aber wer weiß eigentlich, dass sie/er so suchen muss?

    Mein Vorschlag wäre, die Erläuterung der Kategorie zu erweitern, statt „Hier sollen Personen eingeordnet werden, die Bibliothekar waren oder sind.“ -> „Hier sollen Personen eingeordnet werden, die Bibliothekarin oder Bibliothekar waren oder sind.“. Dann wäre es jedenfalls eindeutig beschrieben und alle, die den Beruf ausübten oder üben in Deutschland oder anderswo können gleichberechtigt in derselben Kategorie eingeordnet werden.

    Ein eigenes Wiki nur wegen der weiblichen Bezeichnungen lehne ich komplett ab. Erstens müsstet Ihr genug Schreiberinnen finden und zweitens welche, denen gerade so etwas wichtig ist (das ist nämlich nicht so verbreitet, wie die Aufschreie derer, die darauf pochen, es suggerieren) und die drittens bereit sind, für etwas Zeit aufzuwenden, das vermutlich wenig Leserinnen haben wird, weil es bereits ein berühmtes, viel umfangreicheres Wiki gibt.

    Es tut mir jetzt direkt ein bisschen leid um Eure Bemühungen, aber ich denke eben eher praktisch. Mir persönlich sind „In“-Dekorationen übringens ziemlich egal. Wenn mich etwas interessiert, fühle ich mich einfach angesprochen und achte halt nicht auf so etwas. Daher war mir die fehlende weibliche Kennzeichnung der Wikipedia-Kategorien bis jetzt noch gar nicht aufgefallen.

    Liane

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