Kritische Bibliothek

Kulturelle Vielfalt

Das Each One Teach One (EOTO) e.V. Archiv in Berlin  
von Wolfgang Kaiser

Der 2012 in Berlin gegründete Verein Each One Teach One (EOTO) e. V. verfolgt das Ziel, ein vorhandenes Archiv mit deutschsprachiger Literatur und anderen Medien von Menschen afrikanischer Herkunft für (Weiter-) Bildungszwecke bereitzustellen. Die seit den 1990er Jahren existierende Archivsammlung Schwarzer Literatur stammt von Vera Heyer, die sich schon in den 1970er Jahren auf literarische Spurensuche in Antiquariaten und Buchhandlungen begab, um Bücher von Schwarzen Menschen aus Deutschland und anderen Ländern aufzuspüren. Das Archiv und der dazugehörige Blog (www.eoto-archiv.de) möchten “neue Stimmen aus der Welt der Schwarzen Medien vorstellen und Lust und Freude an Themen rund um Literatur wecken und am Leben erhalten”, wie es auf der Webseite heißt. Die Zielsetzung der geplanten Bibliothek wird auf der Webseite folgendermaßen beschrieben:

“Die Each One Teach One Bibliothek will bekannte und neue Stimmen der Schwarzen Diaspora und des afrikanischen Kontinents vorstellen und den Einsatz der Materialien im schulischen Kontext fördern. Klassenzimmer in Deutschland sind einer der offensichtlichsten Indikatoren dafür, dass die Gesellschaft vielfältiger und heterogener wird. Hinsichtlich dieser zunehmenden Diversity müssen Lehr- und Lernmaterialien in einer Weise aufbereitet werden, die es Kindern und Jugendlichen ermöglicht, sich darin widergespiegelt zu sehen.”

Dies soll damit erreicht werden, dass SchülerInnen AutorInnen und Persönlichkeiten afrikanischer Herkunft kennenlernen, die entweder WissenschaftlerInnen, ErfinderInnen, politische Persönlichkeiten oder KünstlerInnen sind/waren und durch ihr gesellschaftliches Engagement positive Beiträge leiste(te)n. Das oft klischeehafte Bild Schwarzer Menschen soll durch eine differenzierte Darstellung Schwarzer Lebensrealitäten abgelöst werden. SchülerInnen und Lehrenden soll Wissen und Literatur bezüglich der heute existierenden Schwarzen Bevölkerung in Deutschland und ihre in diesem Land seit Jahrhunderten existierende Präsenz vermittelt werden.

Seit Juli 2012 ist EOTO e.V gemeinnützig. Demnächst wird damit begonnen, die ca. 1.500 vorhandenen Bücher zu sichten und zu katalogisieren. 2013 hofft der Verein, eine finanzielle Grundlage für den Umzug in eigene Räume aufbauen zu können, wo eine öffentlich zugängliche Bibliothek  errichtet werden soll.

Eine sukzessive Erweiterung des Buchbestands wird angestrebt. Desweiteren sollen in Form von  Workshops zu Schwarzer Literatur Jugendliche die Geschichte und Gegenwart der afrikanischen Diaspora kennen lernen und erfahren. Es soll in ihnen Lust und Neugier wecken, selber zu schreiben und geeignete Ausdrucksformen anzuwenden wie z.B. SpokenWord, Film/ künstlerische Darstellung/Performance/, Bildsprache/Photographie oder Musik (z.B. HipHop).

Die Vereinsmitglieder sind innerhalb der Berliner und Deutschland weiten aktiven Schwarzen Community vernetzt und werden dieses Netzwerk nutzen, um den Verein und seine Aktivitäten bekannt zu machen vor allem der jüngeren Generation vorzustellen.

Neben der jungen Generation, die für diese Thematik angesprochen werden soll, ist es aber auch geplant ältere Menschen miteinzubeziehen, um einen intergenerationalen und interkultureller Austausch möglich zu machen. Das Voneinanderlernen sollte hierbei im Vordergrund stehen.

Eigentlich wäre diese Thematik ebenso für öffentliche Stadtteilbibliotheken geeignet, um die immer noch vorhandenen Schwierigkeiten der sogennanten “weißen Mehrheitsgesellschaft” (nach Hornscheidt/Agwu) (selbstbenannte) nichtweiße Identitäten anzuerkennen, auf die Agenda zu bringen. Leider gibt es hierzulande bislang (kaum)Stadtbibliotheken, welche beispielsweise einen Black History Month mit in ihr Veranstaltungsprogramm aufnahmen. Die Form von Bibliotheken wie das EOTO Archiv, welche noch am Rande des deutschen Bibliothekswesens stehen, weil 1.) noch neu, 2.) noch unbekannt oder 3.) noch nicht Mitglied z.B. bei BiB (oder anderen Verbänden), müsste in Zukunft auf Bibliothekartagen und Ähnlichem mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteil werden. Was könn(t)en ganz “normale” Stadtteilbibliotheken beispielsweise von  Each One Teach One e.V. und dessen Bibliothek lernen?

Hier einige Fragestellungen, die adressiert werden könnten und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

– wie rassistische Schlagwörter und Sprachhandlungen insbesondere gegenüber (Schwarzen Deutschen) in Bibliothekskatalogen und in Bibliotheken als Teil des öffentlichen Raums zukünftig vermieden werden können

– wie Veranstaltungen künftig dieses Thema mit einbeziehen (z.B. durch einen Black History Month) und welche Schwarze AutorInnen eingeladen werden könnten

– wie die Vielfalt einer deutschen Gesellschaft auch im Bestand einer öffentlichen Bibliothek stärker zum Ausdruck kommen könnte, um Schwarze Menschen in alltäglichen Berufen, als WissenschaftlerInnen, ErfinderInnen, politische Persönlichkeiten oder KünstlerInnen zu zeigen

– welche Art von Literatur rassistische Ausdrücke verwendet und Theorien gegenüber Schwarzen Menschen propagiert und somit ausgesondert werden müsste

Letztlich gibt es viele Möglichkeiten der Kooperation mit Vereinsbibliotheken, die ebenso ein Interesse haben, dass diese Themen auf die Agenda der  sogenannten Mehrheitsgesellschaft gelangen.

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Ein weitere lesenswerter Beitrag von Wolfgang Kaiser mit dem Titel 
Vielfalt und Interkulturalität im deutschen Bibliothekswesen
ist hier zu finden:
http://www.migazin.de/2011/10/05/vielfalt-und-interkulturalitat-im-deutschen-bibliothekswesen/
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Während der Akribie-Veranstaltung am 7.6.2011 auf dem 100. Bibliothekstag
über Das Schicksal der Bibliotheken in Berlin 1990-2010 hat Hacer Manap einen Beitrag zu dem Thema der nicht-vorhandenen kulturellen Vielfalt in den Berliner öffentlichen Bibliotheken gehalten, den Ihr hier noch einmal nachlesen könnt:
Bibliothekstag2011.Teil 2.2.HacerManap

 In ähnlicher Weise hat sich Hacer Manap in einem Artikel für das MiGAZIN (Online-Magazin zu Migration in Germany) geäußert. Der Beitrag  trägt den passenden Titel Kulturelle Einfalt in Bibliotheken  und den könnt Ihr hier nachlesen: http://www.migazin.de/2011/10/06/kulturelle-einfalt-in-bibliotheken/

Ein wichtiger Aspekt in dem Vortrag von Hacer Manap war der Hinweis auf das Integrations- und Partizipationsgesetz in Berlin und das darin enthaltene Versprechen,  dass der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund (MmMHG)  im öffentlichen Dienst in naher Zukunft dem Anteil der MmMHG in der Gesellschaft entsprechen sollte. Hacer bzw. die KRITISCHE BIBLIOTHEK hat daraus die bescheidene Forderung abgeleitet:  es muss in den nächsten Jahren dafür gesorgt werden, dass mindestens 15 % der Beschäftigten in der Berliner öffentlichen Bibliotheken MmMHG sind.
Wenn man das Versprechen des Berliner Senats auf einen Bezirk wie Friedrichrichshain-Kreuzberg herunterbricht, hieße das, in den öffentlichen Bibliotheken müssten mindestens 30% MmMHG arbeiten. Tatsächlich gab es dort viele Jahre wenigstens zwei Mitarbeiter mit türkischen Wurzeln, nach ihrer Pensionierung wurden aber keine neuen MitarbeiterInnen mMHG eingestellt, nur ein Azubi mMHG, der nach bestandener Prüfung  nur eine befristete Möglichkeit zur Weiterarbeit für ein oder zwei Jahre bekam, die inzwischen oder demnächst abgelaufen sind..
Wie man dem Integrationsbericht der Bundesregierung entnehmen kann, entspricht das dem bundesweiten Trend: die Anzahl der MitarbeiterInnen mMHG im öffentlichen Dienst ist bundesweit gesunken!
s. http://www.migazin.de/2012/01/13/anteil-der-migranten-im-offentlichen-dienst-gesunken/?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+migazin+%28MiGAZIN%29

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Im Jahr 2007 fand im Weiterbildungszentrum der Freien Universität Berlin eine viel beachtete Fachtagung zu dem Thema „Interkulturelle Bibliotheksarbeit. Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven“ statt.
Es gibt einen ausführlichen Bericht von Frauke Mahrt-Thomsen über diese Tagung:
„Sie müssen doch deutsch lernen“ [PDF]

Im Folgejahr hat Akribie auf dem Bibliothekstag in Mannheim eine Podiumsdiskussion mit dem Thema „Kulturelle Vielfalt in Bibliotheken?“ durchgeführt, auch darüber gibt es einen Bericht und weitere Materialien: Podiumsdiskussion mit Hacer Manap [PDF].

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