Kritische Bibliothek

Bestandserhaltung

In regelmäßigen Abständen stellt sich für Bibliotheken und Sammlungen die Frage, was aufbewahrt werden soll und wie es dem Publikum zugänglich gemacht wird. Gerade in Zeiten, in denen die Mittel knapp werden, landet das kulturelle Gut allzuschnell im Abseits, da es niemanden gibt, der für den Erhalt zahlen möchte. Damit ist es aber für sowohl heute als auch für die zukünftigen Generationen unwiderbringlich verloren …

Bestände erhalten?

  • Das Bibliothekswesen im Restrukturierungsprozess – Schöne neue Bibliothekswelt oder Bibliothekssterben? [PDF] und Bibliotheken und Google, RFID und TVöD – ein kritischer Blick [PDF]: Thomas Ristow setzt sich in beiden Artikeln kritisch mit den Folgen der Deregulierung im Bibliothekswesen auseinander setzt, mit der Einführung neuer Managementsysteme, Steuerungsmodelle und Privatisierungen hinter dem Schutzschild von Effizienzsteigerung und Modernisierung.
  • In Frankreich engagiert sich eine Initiative aus Lesern, Bibliothekaren, Buchhändlern, Herausgebern, Übersetzern, Illustratoren, Redakteuren etc. für die Bestandserhaltung und für die gedruckten Werke. Kontakt: Livres de papier, c/o Offensive, 21ter rue Voltaire,75011 Paris. e-Mail: livresdepapier@gmx.fr
  • Denkschrift zur Erhaltung schriftlichen Kulturguts; übergeben an Horst Köhler:
    „Drucke aus der Zeit vor 1850 müssten darum generell erhalten werden, Unikate ebenfalls. Für später entstandene Drucke aber, die in mehreren Häusern vorhanden sind, reiche es, sofern sie nicht Teil einer besonderen Sammlung sind, ein Exemplar gründlich zu restaurieren.“In: „Rettet unsere Bücher“. FAZ, 30.4.2009.
  • „Das „Aspekte“-Team des ZDF wagte sich in einem Beitrag […] nach Gotha. Denn die dortige Forschungsbibliothek
    beherbergt nach Meinung des ZDF nicht nur die sogenannten „Königsblätter“, Bilder, die Forster vor 230 Jahren von einer gemeinsamen Weltreise mit James Cook mitgebracht
    hatte, sondern auch einen handfesten Skandal: Die Bilder sind mittlerweile faltig und brüchig.“ In: „Die Odysee der Königsblätter“. TAZ, 13.5.2009)
  • „In Deutschland werden historische Schriftstücke wie Bücher, Noten und Handschriften nach Ansicht eines Experten immer noch zu selten restauriert. Statt die Werke lediglich zu digitalisieren, um sie nutzen zu können, sollte mehr Geld für den Erhalt der Originale aufgewendet werden, forderte der Direktor der Weimarer
    Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Michael Koche“. In: TAZ, 9.9.2008
  • „Platzinfarkt:“ Wie gehen wir in den Hochschulbibliotheken mit der exponentiell anwachsenden Produktion von Büchern um? Ein Beitrag von Jürgen Babendreier über „Tote Literatur in Bibliotheken“ [PDF]
  • „Oslo: Emporung hat in Norwegen die Absicht der Universität Oslo ausgelöst, eine Sammlung von bis zu 150 Jahre alten ausländischen Zeitungen komplett zu verbrennen.“ In: Hannoversche Allg. Zeitung, 26.9.2008

Die Deutsche Presseforschung an der Universiätt Bremen reagierte im Dez. 2008 mit einem Schreiben an die Kollegen in Oslo. Darin erinnert sie zum einen an die – heute bedauerte – Vernichtung historischer Zeitungsbestände in US-amerikanischen Bibliotheken, die gelehrt habe, dass weder Verfilmung noch Digitalisierung das Original-Dokument ersetzen könne. Für die Altbestandsrestaurierung wurde im Spätsommer 2005 eine Kooperation mit einer in München ansässigen Werkstatt vereinbart. Hierbei war der Grundsatz entscheidend, die physischen Erhaltung des Originals sei gegenüber der Herstellung einer Sekundärform zu bervorzugen. Damit folgte man dem persönlichen, kritischen Rat einiger nordamerikanischer Kollegen, die – aufgrund negativer Erfahrungen in den letzten Jahren – hinsichtlich der langfristigen Haltbarkeit insbesondere digitaler Sekundärformen, aber auch der üblichen Mikroformen ausgesprochen skeptisch urteilten. In letzter Konsequenz wurde die über Jahre betriebene Mikroformenproduktion nahezu vollständig zurückgefahren, und Digitalisierung ist nur für spezielle Fälle, wie z. B. erheblich beschädigte Vorlesungsverzeichnisse, vorgesehen. Dazu ausführlich der Bericht von Sven Kuttner: Von Einbänden und Einwänden. Außenvergabe der Hausbuchbinderei und Einbandstelle an der UB München. In: Bibliotheksdienst 42, 2008, H. 1, S. 37-46, besonders S. 41.

  • „638 Jahre alt ist das älteste Buch der Nationalbibliothek in Wien. Berührt werden darf es nur mit feinen Handschuhen, aber lesen lässt es sich noch einwandfrei … Bis heute gibt es jedenfalls keine Disk und kein Band, für das ein Hersteller seine Hand ein paar Jahrzehnte ins Feuer legen würde. Sichern und kopieren, heißt also die Devise, und alle paar Jahre: transformieren … Dem Zeitalter der EDV drohen die Erinnerungen auszugehen“
    In: André Spiegel: Jetzt erst recht! Über die uneinholbaren Vorteile des Buches. Die Presse, Wien, 29.7.2006 (Beilage „Spectrum“, S I f.)
  • Texterhaltung und Quellenvernichtung:Nicholson Baker: „Der Eckenknick oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen“. Rowohlt, 2005. 496 S. Siehe dazu auch Akribie-Veranstaltung 2002.Eine ausführliche Besprechung aus dem Deuschlandfunk von Jörg Magenau.
    Weitere Besprechungen: NZZ (18.2.2006 und 13.4.2006); BuB 2006, Heft 4; Süddeutsche Zeitung (16.2.2006); Der Standard (29.10.2006); ZfBB 2003, Heft 6; Buchhandelsgeschichte 2/2002; AKMB-News 2/2002.Nicholson-Baker-Fan-Homepagezu seinem Buch mit (englischen) Lesebeispielen und Besprechungen.“Oldpaper?“ Das American Newspaper Repositorywurde 1999 von dem Autor gegründet.Literaturliste[PDF]Gedanken zur Quellenvernichtung [PDF]

Die Bibliotheken als Kanarienvögel des Kapitalismus

Siv Wold-Karlsen hat „Barbarian at the Gates of the Public Library, über die Bedrohung der Bibliotheken“ von Ed D’Angelo gelesen und berichtet über die unterschiedlichen Auffassungen eines Sozialisten und eines Marxisten in der darauf folgenden Debatte.

„D’Angelo vergleicht die Bibliothek mit dem Kanarienvogel, den einst die Bergarbeiter mit sich unter Tage in den Bergbau nahmen. Da der Vogel sehr empfindlich war, starb er an eventuellen giftigen Grubengasen lange bevor die Bergleute etwas von ihnen merkten, er funktionierte daher wie ein Warnsystem. In gleicher Weise sei die Bibliothek als erste vom Klima des Infotainments betroffen, das entsteht, wenn der Konsumkapitalismus Wissen und demokratische Werte durch Information und Unterhaltung ersetze.“

Den gesamten Text: Die Bibliotheken als Kanarienvögel des Kapitalismus [PDF]

Eine ungewisse Zukunft

Bestände in Gefahr

Da die Mittel immer knapper werden, sind gerade bei Spezialbibliotheken und Sammlungen Betroffen. Werden diese geschlossen, gibt es kaum eine Lobby und der Protest hält sich in Grenzen …

Buch- und Medienfernleihe für Gefangene, Dortmund
Nach dem Umzug in neue Räumlichkeiten müssen die Mittel für Miete (neben denen für die Medien) komplett selber aufgebracht werden. Wie lange die Bibliothek auf diese Weise fortbestehen kann, ist ungewiss.
„Bibliothek der DDR-Literatur“ in der Kulturinsel Halle in Gefahr
Kompletter Brief an die Oberbürgermeisterin [PDF]
Eutiner Forschungsstelle zur historischen Reisekultur
Nachdem Wolfgang Griep zum 31.7.2006 die Service- und Beratunsstelle verlassen hat, ist die Zukunft dieser Spezialsammlung unklar.

Bibliothekssterben

„Sie verstehen, dass die Idee, Bibliotheken zu schließen, der Gipfelpunkt von Kulturvergessenheit ist. Es ist die Zerstörung von Zukunft,
es ist damit eine Selbstzerstörung. Es ist auch die Zerstörung einer wunderbaren, alternativen Denk- und Erfahrungsart, die auf einem kleinen,
aber ganz wichtigen Unterschied zum alltäglichen kapitalistischen Kaufen und Verkaufen beruht: Alles, was man in einer Bibliothek bekommt, ist nur geliehen. Man hat die Verpflichtung,
damit gut umzugehen, es zurückzugeben, damit andere es wieder lesen können.“ …“So ist jeder Besuch, ist jede Entleihe eine Einübung in die Verpflichtung der Kultur.“
(von Thomas Böhm, Literaturhaus Köln, 4.11.2004)

Michael Reisser – BIB/BUB teilt mit, dass es höchste Zeit ist,
die Schließungen im Bibliotheksbereich möglichst umfassend zu dokumentieren
und ruft dazu auf, alle alten und neuen Fälle von Einschränkungen und
Schließungen zu melden: das Portal www.bibliothekssterben.de
zur Erfassung gefährdeter oder bereits geschlossener
Bibliotheken und Informationseinrichtungen in Deutschland.

  • Wir sind das Altonaer Museum! Die Schließung wurde vorerst verhindert: Museum bleibt erhalten
  • „Angriff auf die Substanz“ von Petra Schellen. In: taz, 6.10.2010. S. 20 „Von einst 57 existieren derzeit noch 32 Standorte der Hamburger Bücherhallen“.
  • Danke für die Hilfe: Die Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln soll erhalten bleiben, aktuelle Informationen. (Kölner Stadtanzeiger, 2.11.2010)
  • „Eine Lanze für die Büchereien“ – über die Schließung und die Bürgerinitiative in Linden. In Hannoversche Allg. Zeitung, 6.4.2010
  • Kritische Bibliothekare besuchten Lindener Bibliotheken: eine Zusammenfassung [PDF]
  • „Achtung: Kritische Bibliothekare. AKRIBIE führt in Linden eine Arbeitstagung durch“. In Hannoversches Wochenblatt, 27.1.2010
  • „Die Berliner Bezirke halten bei der Schließung öffentlicher Bibliotheken bundesweit einen unrühmlichen Rekord – obwohl die Bildungseinrichtungen mit rund 19 Millionen
    Entleihungen pro Jahr boomen. Zwischen 1999 und 2008 hat sich die Zahl der öffentlichen Bibliotheken und Büchereien von knapp 200 auf 82 reduziert. Zugleich wurden die Mittel
    um sage und schreibe 10 Millionen Euro auf 3,3 Millionen Euro sowie Angebote und Personal abgebaut. Die Bezirke finanzieren die Institutionen – wenn überhaupt, da „freiwillig“
    jeweils aus ihrem Globalsummenhaushalt.“ In: taz 2.11.2009
  • Die Stadtbibliothek in Bad Gandersheim schließt zum 31.12.2009.
  • In Bremen wurde zum 28.5.2009 eine Bibliothek in einem Schulzentrum geschlossen. Sie versorgte Kinder aus mehreren Grundschulen und Kindergärten. Eine Stadtteilbibliothek gibt es nicht. (Weserkurier, 7.5.2009, S. 9)
  • „Die Bücherhalle am Grindel muss gerettet werden“ (In Hamburger Abendblatt, 26.7.2003) – ohne Erfolg. Nun ist 2008 der ersatzlose Wegzug der Wegzug der Kinderbibliothek am Grindel geplant. Eine Elterninitiative wehrt sich: www.kibi-muss-bleiben.de
  • „Bürger kämpfen für ihre Bücherei. Lindener gründen Initiative“. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2.5.2008. „Keine Rettung für die Kinderbücherei“. HAZ, 15.10.2008

Beispiele für die Gegenwehr von Bürgern:

  • Bürgerbegehren zum Erhalt der Stadtteilbibliothek Iserbrook, Hamburg – über 7.000 Unterschriften übergeben. In Schanefelder Bote Nr. 36/2009. (Standort wurd am 17.10.2009 trotzdem geschlossen. In: Hallo Elbe, 16.9.2009)
  • Bücher & mehr, der Förderverein
    für die Münchener Stadtbibliothek; oder die Saseler Besetzung der Bücherhalle.

Mal ein gute Nachricht:

– „Sie möge hundertfünfzig Jahre alt werden! Wie die Deutsche Bibliothek Helsinki unter Beschuss kam“ und gerettet wurde. In FAZ, Nov. 2007

– In Ansbach wird weiterhin auf eine Jahresgebühr verzichtet. Das „Lesen von Büchern aus der Stadtbücherein soll … ein kostenloses Vergnügen bleiben.“ (Inetbib eMail 10.11.2006)

Literatur

  1. „Nicht verhandelbar“ von Tilman Spreckelsen. In: FAZ 2.1.2011
  2. „Sparbüchereien: In Großbritannien ist ein Streit über Kürzungen entbrannt“ von A. Menden. In: Süddeutsche Zeitung, 17.6.2010
  3. „Abhandlung über eine Neuerwerbung der Bibliothek“ von Adalbert Kirchgäßner. In: Bibliothek aktuell, H. 91, 2010
  4. „Die Unmoral der Buchentsorgung“, Gespräch mit J. Babendreier. DRadio, 26.10.2010.
  5. „Ausblick: Eine Speicherbibliothek schafft Raum“ von Christoph Ballmer. In: UB Basel, Momentaufnahmen 2010. S. 40
  6. „Auf dem Müll. Vor 20 Jahren: Bücher als Opfer der Wende“ In NZZ 22.12.2009
  7. „Der Dampfer läuft auf Grund. Die DFG fördert keine Kunstbibliotheken mehr“ In FAZ 16.12.2009
  8. „Die große Allianz gegen das Buch“. In FAZ, 8.1.2009
  9. Eichstätter Kurier http://www.donaukurier.de/news/eichstaett/art575,1608318.html
  10. „Das nächste Kloster schließt bestimmt. – Vor einem Jahr machte die Büchervernichtung an der Universität Eichstätt Schlagzeilen. Jetzt liegt ein Abschlussbericht vor, der Entwarnung gibt. Aber ausgestanden ist der Fall längst nicht.“ In FAZ 21.2.2008
  11. „Eichstätt: Angebliche Vernichtung von Beständen der Zentralbibliothek der Kapuziner durch die Bibliothek der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt untersucht“ in Bibliotheksdienst 2008, Heft 2, S. 213
  12. „Wir verbrennen keine Bücher, das nicht, aber … Kaputte Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen: Die Autorin A. L. Kennedy über die kulturelle Selbstzerstörung Britanniens“. In: Tages-Anzeiger Zürich, 21.6.2008.
  13. Sparzwänge und massive Etatkürzungen bei der Staatsbibliothek Berlin. In TAZ 21.8.2008 und Berliner Zeitung 4.7.2008.
  14. „‚Heuschrecken‘ im öffentlichen Raum. Public Private Partnership. Anatomie eines globalen Finanzinstruments.“ Werner Rügemer. Transcript, Bielefeld 2008.
  15. „OSI-Bibliothek bedroht? Bei einem Umzug sollen Dubletten wegfallen“. In Tagesspielgel 12.12.2007
  16. „Aussonderung von Bibliotheksbeständen“. Beiträge von mehereren Bibliotheken. In Information und Ethik. Hrsg. von B. Lison. Wiesbaden: Dinges & Frick, 2007.
  17. „NL: Kreativer Plan zur Kulturgutverichtung“. Vernichtung von Beständen bei der Digitalisierung. In http://archiv.twoday.net/stories/4477648/
  18. „Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek: Bedrohtes Kulturerbe?“ Hrsg. v. P. Ehrle und U. Obhof. Gernsbach: C. Katz 2007. 160 S.
  19. „Methoden der Bestandserhaltung in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin am Beispiel des Umgangs mit Pflichtexemplaren“ von A. Brockmann. Berlin: ZLB 2007. 120 S.
  20. „Wie teuer sind Geschenke – oder können wir uns Geschenk und Tausch noch leisten?“ von Jürgen Babendreier. In Bibliothek, Forschung und Praxis, 30, 2006, S. 83-89.
  21. „Das ‚große Löschfest‘ oder Bestandserhaltung als kulturelle Aufgabe. Vortrag zur Eröffnung des Kongresses ‚Schriftliches Kulturerbe erhalten – eine nationale Aufgabe im europäischen Rahmen'“ von W. Frühwald.
    In: ZfBB 53, 2006, H. 5, S. 277-283.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Kontakt

Anregungen, Vorschläge und Texte an:
redaktion@kribiblio.de

Inhaltliche Gestaltung:
Frauke Mahrt-Thomsen
frauke.mahrtthomsen@gmail.com
Torstraße 221
10115 Berlin
Tel.: 0 30 / 28 09 90 04

Technische Umsetzung:
Ronny Sternecker
ronny.sternecker@gmail.com
Felicitas-Füss-Str. 56
81827 München
Tel.: 0152 / 22765664

Suche