Kritische Bibliothek
Berliner Bibliotheken im Nationalsozialismus

Ausstellung (14.3.-30.6.2019) und Veranstaltungsreihe (14.3.-2.5.2019)  in der Galerie Olga Benario, Richardstraße 104, 12043 Berlin-Neukölln (U7 Karl-Marx-Straße), s. https://galerie-olga-benario.de/ausstellungen/programm/

Vortrag von Frauke Mahrt-Thomsen am 28.3.2019::
„Frontarbeit am Leser“ Die Stadtbüchereien Kreuzberg und Schöneberg im
Nationalsozialismus.

Text des Vortrages von Frauke Mahrt-Thomsen am 25.4.2019:: „Standing Order“ und „Hugendubelisierung“ Zu Gegenwart und Zukunft der Berliner öffentlichen Bibliotheken:
Liebe Anwesende, heute wollen mein Kollege Peter Delin und ich – wir vertreten beide die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken – den Versuch machen, den gegenwärtigen Zustand und die zukünftige Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Berlin zu charakterisieren. Ich werde mich mit den Bezirksbibliotheken beschäftigen und Peter Delin konzentriert sich auf die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, abgekürzt ZLB. Um den gegenwärtigen Zustand der Bezirksbibliotheken zu beschreiben, ist ein Rückblick in die vergangenen Jahrzehnte erforderlich. Seit der Schaffung von Groß-Berlin und der Bildung relativ eigenständiger Bezirke in den Zwanziger Jahren wurde festgelegt, dass die lokalen öffentlichen Bibliotheken nicht Teile eines zentral gelenkten, gesamtstädtischen Bibliothekssystems sind, sondern den Bezirksverwaltungen unterstellt werden, und dass die übergeordnete Berliner Stadtbibliothek (BStB / jetzt: ZLB) nur begrenzt koordinierende und Servicefunktionen für die Bezirksbibliotheken wahrnimmt, aber keine Zentrale im engeren Sinne darstellt, die alle öffentlichen Bibliotheken nach einheitlichen Vorgaben der Zentrale verwaltet. In der Nachkriegszeit setzte sich diese Eigenverantwortung der Bezirksbibliotheken in Berlin West und Ost fort, wobei wichtige Rahmenbedingungen – Bemessung von personellen und materiellen Ressourcen, Aufbauplanungen, Benutzungsordnungen etc. – auf gesamtstädtischer Ebene vom Senat oder Magistrat festgelegt wurden, mit unterschiedlichen Akzentsetzungen in Ost und West, z.B. mehr methodische Anleitung durch die BStB im Osten und größere Möglichkeiten der Medienauswahl im Westen. Sehr schnell können aufgrund der gleichartigen Bezirksstrukturen nach der Wende die Weichen für die Zusammenarbeit der öffentlichen Bibliotheken in Berlin gestellt werden. Die notwendigen Angleichungen bei der Bestandserschließung/Systematik und in kleineren Strukturfragen erfolgen rasch (bis 1991), nur für die jetzt doppelt vorhandenen zentralen Häuser – Amerika-Gedenkbibliothek und Berliner Stadtbibliothek – muss eine neue Lösung gefunden werden. Sie besteht in der Zusammenführung beider Bibliotheken in einer Einrichtung mit zwei Standorten, durch die Gründung der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Jahre 1995. Dazu mehr von Peter Delin. Zwar gibt es in der ersten Nachwendezeit zunächst Extragelder aus verschiedenen Töpfen für die Bestandserneuerung der Bibliotheken, insbesondere in den östlichen Bezirken. Aber infolge des raschen Abbaus der einst reichlich fließenden Berlin-Hilfe der Bundesregierung (einstmals rund 7,4 Milliarden € oder fast ein Drittel des Westberliner Etats) verschlechtert sich die Finanzlage der Stadt rapide. Es kommt zu heftigen Einschnitten in den öffentlichen Haushalten auf Senats- und Bezirksebene, von denen die öffentlichen Bibliotheken umso härter getroffen werden, weil sie eine freiwillige Leistung der Kommunen darstellen, keine Pflichtaufgabe. Bis heute gibt es in der BRD und den meisten Bundesländern einschließlich Berlin im Gegensatz zu anderen, demokratisch strukturierten Ländern (England, USA, skandina-vische Länder) überhaupt keine Bibliotheksgesetze, schon gar keine Pflichtgesetze, die den Staat oder das Land zu materiellen Mindestleistungen verpflichten. Die in einigen wenigen Bundesländern inzwischen verabschiedeten Bibliotheksgesetze (Thüringen, Hessen, Schleswig-Holstein) sind sozusagen zahnlose Tiger, bloße Würdigung der Rolle der Bibliotheken und Aufgabenbeschreibungen, die zu keinen konkreten Leistungen verpflichten. Anfang der 90er Jahre wird unter Federführung der Senatskulturverwaltung ein Bibliotheksentwicklungsplan für Berlin fertiggestellt, der gewisse Mindeststandards definiert, z.B. für die Anzahl der Medien, auch in den Sprachen der Migranten, die pro Kopf der Bevölkerung vorhanden sein sollen (2,5 Medien/E), oder dass eine öffentliche Bibliothek für jeden Bürger/jede Bürgerin in höchstens 1,5 km Entfernung erreichbar sein soll. Der Bibliotheksentwicklungsplan von 1995 wird vom Senat zwar zur Kenntnis genommen, aber nie vom Abgeordnetenhaus verabschiedet. Er wird auf Eis gelegt. Über die Köpfe der Bezirksbibliotheken und ihrer BenutzerInnen hinweg führt der Senat im gleichen Jahr Leserausweis-Gebühren ein, die es bis dahin weder in Ost- noch in Westberlin gab. Sie stehen in Widerspruch zu der bis heute gültigen Grundüberzeugung in den oben genannten demokratischen und wahrscheinlich auch in vielen ehemals sozialistischen Staaten, dass die Benutzung öffentlicher Bibliotheken kostenlos sein soll. Mitte der 90er Jahre beauftragt der Senat für viele Millionen (30 Mill. €?) eine externe Beratungsfirma (KPMG) damit, die öffentliche Verwaltung in Berlin zu untersuchen und Vorschläge für ihre Neustrukturierung zu machen. Heraus kommt eine an neoliberalen Vorstellungen orientierte Kosten-Leistungs-Rechnung (KLR), die sich primär an quantitativen Zahlen orientiert und nicht qualitativen und sozialen Kriterien. Sie wird den Bibliotheken und anderen bezirklichen Kultureinrichtungen oktroyiert und ist bis heute maßgebend für die Ressourcenverteilung. Die Bezirksbibliotheken müssen für die Erfassung ihrer Arbeit sogenannte Produkte definieren, wie Ausleih- und Besucherzahlen, und um die billigsten Durchschnittswerte für die Erzielung dieser Produkte mit den anderen Bezirken konkurrieren. Die sogenannten Mediane sind bis heute die Grundlage für die vom Senat den Bezirken zur Verfügung gestellten Mittel für die Bibliotheken. Die Bezirke können zwar über die Zuwendungen für ihre Bibliotheken ‚frei‘ entscheiden und über diese Senatsgelder hinaus gehen, aber angesichts ständiger Finanznöte und da es sich nicht um gesetzliche Pflichtaufgaben handelt, besteht immer die Gefahr, dass bei den Bibliotheken eher noch gespart wird. Der Wettlauf um die billigsten KLR-Werte ist eine Schraube ohne Ende, die für die Hälfte der Bezirke in der Regel abwärts führt und die Ungleichheit bei der Versorgung der Bevölkerung mit Bibliotheksdienstleistungen fortlaufend vergrößert. Inhaltliche Fragen, wie die Qualität der Bestände und der ausgeliehenen Medien, die Nutzung der Medien vor Ort, das Ausmaß der Dienstleistungen für sozial benachteiligte Schichten oder besonders zu fördernde Bevölkerungsgruppen (Literaturbedürfnisse der MigrantInnen) spielen keine Rolle. Die Erwerbungsetats der bezirklichen Bibliotheken werden ab Mitte der 90er Jahre rigoros gekürzt (1993 noch 12,9 Mill. DM = ca. 6,5 Mill. €, 2003 nur 2 Mill. €, 2016 und Folgejahre dann leichte Anhebungen auf ca. 4 Mill. €). Ebenso abwärts geht es beim Personal: 2001 gab es in den Bezirksbibliotheken noch 1.098 Stellen, 2016 noch 684 = mehr als 1/3 weniger! Die Sparpolitik führt dazu, dass das Netz der Berliner öffentlichen Bibliotheken seit den 1990er Jahren in rasantem Tempo schrumpft: von ca. 220 Standorten in der ersten Nachwendezeit auf ca. 115 Standorte im Jahre 2009 und – nach dem letzten, mir vorliegenden offiziellen Adressenverzeichnis von 2017/2018 – auf 65 Bibliotheksstandorte und 8 Fahrbüchereien plus die beiden Standorte der ZLB am Blücherplatz und in der Breiten Straße. Dieser übermäßige Schrumpfungsprozess liegt nicht primär an der punktuell durchaus sinnvollen Zusammenlegung von Kleinsteinrichtungen zu Bibliotheken mittlerer Größenordnung, sondern ist neben den Etatkürzungen sehr stark auf die rigorosen Stellenstreichungen zurückzuführen, die der Senats in immer neuen Wellen den Bezirken auferlegt. Notgedrungen müssen die Bezirke diese mehr oder weniger proportional auf alle Bereiche ihrer Verwaltung verteilen. Die Bibliotheksschließungen gehen aber auch auf den Mangel an konstruktiver Bibliotheks- und Stadtentwicklungspolitik auf Landesebene zurück. Die langjährige Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Alice Ströver, kommt Ende 2010 zu dem Schluss: „…der Zustand in den Bezirken ist extrem unterschiedlich, je nach Wertschätzung, das ist eine unhaltbare Situation. Es gibt keine Qualitätskriterien bei Schließungen, es gibt nur Geld-Kriterien, noch nicht einmal das Kriterium der Stadtentwicklung…Seit 2005 gibt es eine echte Schockstarre bezüglich der Bibliothekspolitik in dieser Stadt, es gibt einen riesigen Berg von Vorschlägen, z.Bsp. das ‚Olympia-Modell‘ für die Förderung der bezirklichen Bibliotheken, auch durch moderate Senatszuschüsse, aber es ist …nichts passiert.“ Trotzdem führt dieser Mangel keineswegs zu einem Desinteresse der BerlinerInnen an der Benutzung ihrer Bibliotheken. Im Gegenteil: die Gesamtzahl der Entleihungen liegt unverändert hoch bei ca. 24 Mill., davon 3,6 Mill. (bei 3,5 Mill. Bestand) in der ZLB und 20,4 Mill. (bei 4 Mill. Bestand) in den Bezirken, und die Gesamtzahl der Besuche ist von 2015 bis 2017 sogar noch deutlich gestiegen, von 9,1 auf 9,4 Millionen). Im Wettlauf um das Erreichen der Durchschnittswerte innerhalb der KLR, in Folge der Personalkürzungen und des auch vom Rechnungshof ausgeübten Rationalisierungsdrucks gehen die Bezirksbibliotheken im Laufe der 2000er Jahre immer mehr zum Outsourcen ihres Bestandsaufbaus über und erteilen sogenannte „Standing Order“-Aufträge, zunächst überwiegend an die ekz, die Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken in Reutlingen/ Baden-Württemberg, zunehmend auch an den Münchener Großbuchhändler Hugendubel. Die ekz ist längst keine Gemeinschaftseinrichtung der öffentlichen Bibliotheksträger mehr, sondern eine Privatfirma, im Besitz und über viele Jahre geleitet von ehemaligen Bertelsmann-Managern. Nur im Kinder- und Jugendbuchbereich geben die Bezirksbibliotheken ihre Aufträge z.T. noch an lokale Kinderbuchhandlungen weiter, sonst bleiben für die Berliner Buchhändler zunehmend nur noch Restsummen-Käufe, Eil-Bestellungen und Bestseller-Abos der öffentlichen Bibliotheken. Diese Restsummen betragen nach grober Schätzung nur noch ca. 15-20 % der Erwerbungsetats. 2005 legt eine vom Senat beauftragte, externe Expertenkommission ihren Abschluss-bericht über die Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken vor. Dieser stellt fest, dass die selbstgesteckten Ziele mit den Methoden der KLR nicht erreicht werden. „Die Berliner KLR in ihrer jetzigen Form ist für die öffentlichen Bibliotheken kein geeignetes Steuerungs-instrument.“ Die ExpertInnen stellen fest, dass eine einheitliche Versorgung Berlins nicht gegeben ist. Das gelte erst recht für Sprach- und Leseförderprogramme und für fremdsprachige Literatur. Sie richten die dringende Forderung an den Senat: wenn sich schon die Bezirksstrukturen nicht aufheben lassen, dann müssten sie wenigstens überspielt werden, durch wesentlich stärkere Vorgaben und direkte Zuschüsse des Senats. Der Senat zieht keine Schlussfolgerungen aus den Empfehlungen seiner Expertenkommission. Er findet es auch nicht kritikwürdig, dass der Einkauf der Bezirksbibliotheken zunehmend bei einigen wenigen externen Großlieferanten erfolgt und dass die Neuerwerbungen in wachsendem Maße aus Ratgebern, Bestsellern und Mainstream-Literatur bestehen. Die inhaltliche Verantwortung der Bibliotheksbeschäftigten für den Bestandsaufbau und das Recht der NutzerInnen auf ein differenziertes Buch- und Medienangebot, das sich an ihren Wünschen, an den konkreten Bedürfnissen von GroßstadtbewohnerInnen im Umfeld der Bibliotheken orientiert, bleibt durch die Standing-Order-Aufträge, die auf den Durchschnittsbedarf weit kleinerer Orte zugeschnitten sind, zunehmend auf der Strecke. Die Zukunftsorientierung der Bibliotheksförderung, die die Senatskulturverwaltung heute so gern für sich in Anspruch nimmt, erschöpft sich sehr stark in der Unterstützung technolo-gischer Innovationen, wie die Einführung oder Erneuerung der RFID (Radio-Frequenz-Identifikation) für die Ausleihverbuchung, oder – in der jüngsten Phase – durch die Verstärkung digitaler Onleihe-Angebote und -Hilfsmittel. So z.B. durch die Verbesserung des WLAN-Zugangs, die Zurverfügungstellung von IPads, Whiteboards, Gamingzonen, Makerspaces, Informationsmonitoren u.a. Das mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnete Portal “filmfriend“ stellt bei genauerem Hinsehen letztlich nur eine sehr begrenzte Auswahl von Filmen, Dokumentationen und Serien zur Verfügung. Dem Jahresbericht 2017 ist zu entnehmen, dass der Senat in den Jahren 2018 und 2019 allen Bezirken 600.000 € für E-Medien zur Verfügung stellt, das bedeutet immerhin eine Verdoppelung des Erwerbungsetats für E-Medien im VÖBB (Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins). Aus den Kreisen der Amtsleiter und -leiterinnen der Bezirksbibliotheken und der Senatskulturverwaltung verlautet inzwischen, dass es einen neuen Berliner Bibliotheks-entwicklungsplan geben wird und dass als erstes vorgesehen ist, für die Begleitung des Planungsprozesses eine Beratungsfirma zu engagieren. Was dazu in welchen Gremien besprochen und verabredet wurde, welcher Zeitrahmen vorgesehen ist, welche Verbindlichkeit die Ergebnisse, z.B. empfohlene Standards für die Mindestausstattung der öffentlichen Bibliotheken haben sollen – wir wissen es nicht, denn es gibt keine fortlaufende Information der Öffentlichkeit, die Bürgerinnen und Bürger sind ausgeschlossen von diesem Prozess. Am 17.4.19. erreichte uns auf verschiedenen Medienkanälen die Meldung, dass der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses 33,5 Mill € für die öffentlichen Bibliotheken freigegeben hat, um sie „fit zu machen für die Digitalisierung“. Das klingt viel, aber davon sind allein 17 Mill. € vorgesehen für die Erneuerung der RFID-Verbuchung, die Modernisierung technischer Ausstattungen und die Digitalisierung, wobei nicht klar ist, für welche Digitalisierungsprojekte. 12 Mill. €. Sind vorgesehen für die dezentrale Kulturinfrastruktur der Bibliotheken, als Beispiele genannt werden ‚mobiles Mobiliar, veranstaltungsspezifische Technik, flexible Raumtrennungen‘. Bibliotheken sollen unter Hinweis auf das Strategiepapier des Senats vom 18.7.2016: „Attraktive Bibliotheken für die Metropole Berlin“ als sogenannte ‚dritte Orte‘ (neben der Wohnung und dem Arbeitsplatz) hergerichtet werden, Bibliotheken sollen als „Begegnungsort und öffentliches Wohn- und Arbeitszimmer“, als „Foren politischer Partizipation für die Kiez- und Metropolgesellschaft“ und als „Ausdruck der Berliner Willkommenskultur“ funktionieren. Aber die Abschaffung der neoliberalen KLR wird auch vom derzeitigen Kultursenator – im Gegensatz zum Programm seiner Partei Die Linke vor den Wahlen – nicht angestrebt und inhaltliche Weichenstellungen für den Aufbau qualitätsorientierter Buch- und Medien-bestände sowie fortgeschrittener Dienstleistungen für alle NutzerInnen im IT-Bereich (z.B. Discovery-Systeme für sehr viele bessere Suchergebnisse bei Recherchen) werden nicht in Angriff genommen. Die Bürgerinitiative (vormals: Arbeitskreis) Berliner Stadtbibliotheken hat Dr.Klaus Lederer in einem Brief vom 22.4.2017 zu einer grundsätzlichen Kehrtwende in der Berliner Bibliothekspolitik aufgefordert und ihn dringend gebeten, notwendige Schritte zu einer Verbesserung der mehr als bescheidenen Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken einzuleiten. Nach einer völlig unbefriedigenden Antwort, die darauf schließen ließ, dass es für ihn bzw. seine nachgeordneten MitarbeiterInnen zu viel der Mühe war, unseren Forderungskatalog genauer durchzulesen, haben wir dem Senator am 21.8.2017 die Forderungen noch einmal in Kurzform, in einem 7-Punkte-Programm übermittelt. Unsere Forderungen lauten: 1. Abschaffung der Kosten-Leistungs-Rechnung wegen ihrer schädlichen und kontraproduktiven Auswirkungen auf die Bestandsqualität aller Bezirksbibliotheken und auf die gleichwertige Versorgung aller Berliner BürgerInnen mit Bibliotheksdienstleistungen. 2. Massive Aufstockung der den Bezirken zugewiesenen Erwerbungsetats, um differenzierte, an den tatsächlichen Bedürfnissen der BenutzerInnen orientierte Buch- und Medienbestände aufbauen zu können. 3.Qualitativ anspruchsvolle, von FachkollegInnen vor Ort ausgewählte Buchbestände bleiben für die BenutzerInnen das Kernangebot öffentlicher Bibliotheken, der Beweis dafür wurde in mehreren, auch internationalen Umfragen erbracht. Die Standing Order/Outsourcing-Praxis, die Auftragsvergabe an auswärtige Buch-Großkaufhäuser muss abgeschafft werden, da sie die schrittweise Privatisierung einer Kernaufgabe der öffentlichen Bibliotheken, eines Bestandsaufbaus, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, bedeutet. Aussonderungen aus den Beständen dürfen nur aus inhaltlichen Gründen vorgenommen werden, nicht primär, um die Umsatz- oder KLR-Statistik zu verbessern. 4. Ein umfassendes Sonderprogramm für die Sanierung und Neugestaltung der Bezirksbibliotheken ist erforderlich (Kostenschätzung: ca. 50 Mill. €), zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und der Nutzungsmöglichkeiten für alle StadtteilbewohnerInnen, 5. Aufstockung des Personals nach anerkannten Kennzahlen vorhandener Bibliotheksentwicklungspläne. Zügige Bearbeitung und Inkraftsetzung eines Berliner Bibliotheksentwicklungsplans und eines Berliner Bibliotheksgesetzes, dass die ausreichende Ausstattung und Finanzierung der Bezirksbibliotheken zu Pflichtaufgabe macht, 6. Beschleunigter Ausbau der ZLB an dem inzwischen endlich festgelegten Standort (Blücherplatz), unter Berücksichtigung der notwendigen und zukünftigen Aufgaben als funktionierende zentrale Servicebibliothek für alle Bezirke. 7. Der begonnene, von der Senatspolitik hochgelobte Einstieg in die „Digitalen Welten“ bedeutet nicht automatisch eine qualitative Verbesserung. Es geht um die umfassende Erhöhung der Qualität aller Serviceangebote der öffentlichen Bibliotheken, analog und digital. Eine weitere Forderung, die wir als Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken inzwischen entwickelt und am 18.3.2019 auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgetragen haben, möchten wir jetzt ergänzen, sie lautet: „Bürgerrat statt Mitmachfalle. Ein Vorschlag zur Partizipation an öffentlichen Bibliotheken.“ Wir fordern die direkt-demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an ‚ihrer‘ Bibliothek, echte Anhörungs- und Mitentscheidungs-rechte in einem Bürger- und Zukunftsrat Bibliotheken. Wir sind der Überzeugung, dass ein solcher Rat in Hinblick auf demokratische Legitimität, Qualität, Innovation und praktische Umsetzung der Wünsche der BürgerInnen eine bessere und konsensfähigere Aufgaben-erfüllung im Sinne des Gemeinswohls gewährleistet, als dies ohne seine Beratung und Mitentscheidung der Fall ist. Letzte Überarbeitung: 29.4.2019 Frauke Mahrt-Thomsen Nationalsozialismus:
Als Einstieg einige Vorbemerkungen zur Situation der Berliner öffentlichen Bibliotheken vor und nach dem Ersten Weltkrieg: bis 1919 gibt es in Alt- Berlin (den heutigen sechs Innenstadtbezirken) ein zentral verwaltetes Netz von Volksbüchereien, mit der 1901 gegründeten, ab 1907 für das Publikum zugänglichen Berliner Stadtbibliothek an der Spitze. 1920, nach der Schaffung von Groß-Berlin erfolgt der politische Neuzuschnitt der einzelnen Bezirke und die bis heute gültige Festlegung, dass die Bezirke für die Volksbibliotheken und Lesehallen auf ihrem Territorium zuständig sind und dass die Zentralbibliothek direkt dem Magistrat oder Senat zugeordnet wird. Der Magistrat verfügt 1927, dass es in jedem Bezirk eine Haupt- oder Stadtbücherei geben soll mit einem wissenschaftlich vorgebildeten Leiter für alle Volksbüchereien im Bezirk. 1922 wird die Position eines Volksbüchereidirektors für die ganze Stadt neu geschaffen und mit Gottlieb Fritz besetzt. 1924 wird Gottlieb Fritz auch zum Direktor der Berliner Stadtbibliothek ernannt, das er 1934 aufgrund einer machtpolitischen Intrige wieder verliert. Bis weit in die Zwanziger Jahre hinein wird das öffentliche Bibliothekswesen in Deutschland sehr stark von dem sogenannten „Richtungsstreit“ zwischen der Stettiner Richtung unter Erwin Ackerknecht und der Leipziger Richtung unter Walter Hofmann bestimmt. Wir haben letzte Woche gehört, dass die Helene Nathan, die Leiterin der Stadtbücherei Neukölln, mehr der Hofmannschen Richtung zuneigte. Obwohl sich beide Richtungen in ihrem stark pädagogischen Ansatz der Büchereiarbeit letztlich sogar sehr ähnlich waren, lieferten sie sich heftige, ideologisch aufgeheizte Kämpfe. Als Mitglied einer jüngeren Generation unter den Volksbibliothekaren, die diese Richtungsstreitereien hinter sich lassen will, macht sich Dr. Wilhelm Schuster immer mehr in der Arbeit der bibliothekarischen Verbände bemerkbar. 1928 wird er zum Vorsitzenden des VDV = Verband Deutscher Volksbibliothekare gewählt und in den Dreißiger Jahren tritt er die Nachfolge von Gottlieb Fritz als Direktor der Berliner Stadtbibliothek und der Bibliotheksschule in Berlin an. Dazu nächste Woche mehr. Eine generelle Anmerkung zu den Recherchen über die beiden Bezirksbüchereien: Im Gegensatz zu Schöneberg, wo sich ein wichtiger Teil der Originalakten erhalten hatte, standen mir solche Originalakten aus der NS-Zeit in Kreuzberg nicht zur Verfügung, die waren alle, spätestens in den Bombennächten Anfang Februar 1943 verbrannt. Zur Stadtbücherei Kreuzberg: Am 1.11.1926 erfolgt die Übergabe der Volksbüchereien und Lesehallen der Innenstadt-Bezirke 1-6 (Alt-Berlin) von der zentralen Verwaltung an die Bezirksämter. Der Bezirk Kreuzberg übernimmt 6 Volksbüchereien und Kinderlesehallen (Stallschreiberstr. 54, Wilmsstr. 10, Baruther Str. 20 (ab 1928: Belle-Alliance-Str. 80, heute Mehringdamm), Dieffenbachstr. 60/61, Glogauer Str. 12/13, Waldemarstr.77). Dazu kommt im Jahre 1939 eine neue Kinderlesehalle und Jugendbücherei in der Lausitzer Straße 4. Die Zweigstelle in der Belle-Alliance-Straße muss in Kreuzberg auch die Funktion der Hauptbücherei übernehmen, da die geforderte Neueinrichtung einer zentralen Stadtbücherei im Bezirk bis zum Ende der NS-Zeit nicht erfolgt. Leiter des bezirklichen Büchereiwesens in Kreuzberg wird 1926 Dr. Curt David Wormann, ein Germanist und Romanist jüdischer Herkunft, der seit 1923/24 im Bezirk gearbeitet hat.. Neben seinen Leitungsaufgaben übt er eine Dozententätigkeit an der VHS und an der Berliner Bibliotheksschule aus. Außerdem ist er auch publizistisch tätig und veröffentlicht Ende der 20er Jahre einen umfangreichen literaturhistorischen Aufsatz über die zeitgenössische russische Literatur in dem von Wilhelm Schuster und Max Wieser herausgegebenen Sammelband Weltliteratur der Gegenwart. Nach Verabschiedung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 7.4.1933 wird Curt David Wormann sofort entlassen. Er emigriert 1934 nach Israel und arbeitet ab 1937 an der Public Library von Tel Aviv. 1948 wird er Direktor der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem, gründet in den Fünfziger Jahren die israelische Schule für Bibliothekare und Archivare und wird Vertreter Israels bei der IFLA, dem Weltverband der Bibliotheken. Zu seinem 75. Geburtstag (1975) erscheint eine von internationalen Experten herausgegebene Festschrift, in der seine herausragenden Verdienste um das Bibliothekswesen weltweit und um die Ausbildung von Bibliothekaren umfassend gewürdigt wird (Essays and Studies in Librarianship, Jerusalem 1975, in der ZLB vorh.). In Kreuzberg werden insgesamt vier jüdische Kollegen oder Kolleginnen entlassen: – Dr. Curt David Wormann,(s.o.), – Dr. Hans Margolius, Philosophiestudium, Lesesaalaufsicht in StB Mitte, später Kreuzberg/Belle-Alliance-Str., 1939 Emigration in die USA, 1984 in Miami gest., – Else Simon, Zwangsarbeit in Ostpreußen/Hohe Tatra, in Auschwitz ermordet, – Helene Goldberg, in einem Vernichtungslager umgebracht. Nach der Entlassung von Dr. Curt Wormann findet keine Neubesetzung der Bibliotheks-leiterstelle in Kreuzberg statt, was zu einer Lockerung der Beziehungen zwischen den bezirklichen Volksbüchereien führt und zu ihrer bis in die Nachkriegszeit andauernden Verselbständigung als Quartierbüchereien. Bereits 2 Tage nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erscheint ein Artikel im Völkischen Beobachter, der zum großen Aufräumen in den städtischen Volksbüchereien aufruft. Überschrift: „Ein öffentlicher Mißstand – Marxistengift in den Volksbüchereien“. Dort wird die pauschale Behauptung aufgestellt, dass in den letzten 8-10 Jahren keine „Bücher deutscher und nationalgesinnter Schriftsteller“ in den öffentlichen Bibliotheken angeschafft wurden, was einer genaueren Überprüfung nicht standhält (s.u. zu Schöneberg). Am 27.4.1933 wird die Öffentlichkeit durch eine Pressemeldung informiert, dass ein zentraler Ausschuss gebildet wurde, der eine „Schwarze Liste des volksfremden Schrifttums“ aufgestellt habe, und dem Dr. Max Wieser, Leiter der Stadtbücherei Spandau, Dr. Hans Engelhard, Leiter der Stadtbibliothek Köpenick und der Bibliothekar Dr. Wolfgang Hermann angehören. Außerdem, dass man „plant, eine Reihe der aus den Volksbüchereien verbannten Werke öffentlich zu verbrennen.“ Der Ausschuss stellt seine „Schwarze Liste“ der Deutschen Studentenschaft zur Verfügung, die mit Hilfe dieser Unterlagen am 10.Mai 1933 die Bücherverbrennung auf dem Platz vor der Staatsoper, dem heutigen Bebelplatz organisiert. Am 16.5.1933 wird die „Schwarze Liste“ im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel abgedruckt. Im Vorwort schreibt Wolfgang Hermann: „Die Aufgabe, die der öffentlichen Bücherei im neuen Staat gestellt ist, entspricht der Losung Mussolinis: ‚Buch und Büchse – das ist unser Befehl.‘ Damit ist gesagt, daß das kulturpolitische Ziel der Volksbüchereien in der geistigen Wehrhaftmachung, der totalen Mobilmachung des deutschen Menschen mit Hilfe des echtbürtigen Schrifttums liegt. Der erste Schritt zu diesem Ziel ist der allerorts spontan eingeleitete Versuch, die Arbeitsmittel und Buchbestände der Büchereien auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Am 29.12.1933 erscheint in der Deutschen Zeitung ein Artikel von Dr. Wilhelm Schuster, zu der Zeit noch Direktor der Hamburger Bücherhallen und ‚Führer der Preußischen Landesstelle für volkstümliches Büchereiwesen‘, mit der programmatischen Überschrift: „FRONTARBEIT AM LESER“. Im Text heißt es: „Mit der Neuordnung des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens im neuen Staate wird auch das volkstümliche Büchereiwesen als die bedeutsamste Einrichtung der nationalen Erwachsenenbildung eine gründliche Umformung zu erfahren haben…Alles was an gemeinsamer Facharbeit zu leisten ist, …bedarf auch der Führung im Sinne des neuen Kulturwillens. Diese Zusammenfassung und Führung bedarf weiter der staatlichen Autorität, um sich restlos durchsetzen zu können…“ Auffallend, wie schnell sich bei den leitenden Volksbibliothekaren die Übernahme eines militärischen Jargon bei der Beschreibung ihrer fachlichen Aufgaben durchsetzte. In Kreuzberg wird zügig mit der „Säuberung“ der Bestände begonnen. Eine Bibliothekarin berichtet in der Nachkriegszeit, dass sie über einen längeren Zeitraum hinweg nach ihrer Erinnerung bis zu einem Viertel des Bestandes in der Belle-Alliance-Straße aussondern musste. Diese auch im Vergleich zu den durchschnittlichen Aussonderungen in der anderen Bezirken relativ hohen Angaben konnte ich leider nicht anhand gedruckter Angaben oder Statistiken überprüfen, möglicherweise wurden sie in der Erinnerung überhöht. Die makulierten Bestände werden 1x in der Woche an die Berliner Stadtbibliothek geschickt und im Marstall gelagert. Nach Ende des Krieges holen weitgehend dieselben BibliothekarInnen oder Bibliotheksangestellten die ausgesonderten Bücher wieder ab und entfernen die Literatur des „Tausendjährigen Reiches“ aus den Regalen. Bereits vor 1933 gibt es im Gegensatz zu der Behauptung im ‚Völkischen Beobachter‘ die wachsende Bereitschaft in den Volksbüchereien, ‚nationale‘ und ‚nationalsozialistische‘ Literatur in die Bestände aufzunehmen und in gesonderten Bücherverzeichnissen zu besprechen. Aber in vielen Berliner Büchereien fanden die Leser doch ein beachtlich breites, marxistische Bücher einschließendes Spektrum der Literatur vor. Angesichts der Säuberungen stellen aber viele interessierte LeserInnen die Benutzung der Volksbüchereien ein, die Leser- und Ausleihzahlen sinken in den ersten Jahren nach 1933. Das wird von einem Teil der BibliothekarInnen noch in grotesker Weise als „Gesundung. Rückgang der Vielleserei“ gepriesen und behauptet, „das bedeutet, daß die Bücher gründlicher gelesen werden und so eine nachhaltigere Wirkung ausüben.“ (s. Handzettel aus der Stadtbücherei Essen). Einige Erklärungen für den Rückgang der Ausleihzahlen (Rückgang der Arbeitslosigkeit, Arbeitsdienstpflicht, Heeresdienst, „politische Betätigung für Volk und Staat“) auf diesem Handzettel sind durchaus nicht falsch, zeigen aber auch die wachsenden Ansprüche und die Vereinnahmung der Menschen durch das Regime. Zum Teil wird der Ausleihrückgang schrittweise aufgefangen durch den Ausbau der Kinder- und Jugendbuchbestände und die immer stärkere Verlagerung des Bibliotheksbetriebes hin zur Kinder- und Jugendarbeit, insbesondere während des Krieges. Durch den Kriegseinsatz der männlichen und weiblichen Beschäftigten wird das Büchereipersonal stark reduziert: 1939 gab es in Kreuzberg 31 hauptamtliche Stellen, 1943 nur noch 12 (inkl. 2 Buchbinder). Die Volksbücherei in der Belle-Alliance-Straße wird 1943 durch einen Bombenangriff vernichtet und 1944 mit einem Behelfsbestand in der Gneisenaustraße 7 wieder eröffnet. Die Jugendbücherei und Kinderlesehalle in der Lausitzer Straße 4 wird völlig zerstört. Die 1. Volksbücherei in der Stallschreiberstraße 54 zieht nach schweren Bombenschäden um an das Tempelhofer Ufer 15. …………………………………………………………………………………………………. Zur Stadtbücherei Schöneberg Schöneberg, bis 1919 eine selbständige Stadt, verfügt in der Weimarer Republik bereits über ein ausgebautes Netz von Volksbüchereien und Lesehallen sowie eine eigene Hauptbücherei in der Ebersstraße 9, die ähnlich wie in Neukölln in einem Gebäude mit der Volksbadeanstalt untergebracht war. Die Lage der Hauptbücherei ist zwar etwas verkehrsungünstig, aber dank des leitenden Bibliothekars Heyne, der kurz nach 1900 die Leitung der Bibliothek übernahm, verfügt sie über einen auch bei der Sachliteratur vergleichsweise umfangreichen Bestand (1928: 31.649 Bde, davon 17.435 ‚Belehrende‘ Literatur). Außer der Hauptbücherei gibt es die Zweigstellen Süd im Rathaus Friedenau und Nord in der Freisinger Straße 20, eine Kinderlesehalle und die Ausgabestelle in der Siedlung Lindenhof. Der Gesamtbestand in Schöneberg beträgt 46.366 Bände, die Gesamtausleihe: 152.000. Es gibt strenge Benutzungsregeln: „Im Ausleihbetrieb haben wir, um die ‚Lesewut‘ mancher Kreise zu steuern, Beschränkungen eingeführt. Der Leser erhält gleichzeitig ein Unterhaltungsbuch und bis zu 3 Werke belehrende Literatur. Umtausch unterhaltender Literatur darf erst am 3. Tage stattfinden.“ Bei Durchsicht der Sonderkataloge Schöne Literatur von 1922 und 1928 fällt allerdings ein großes Angebot von Dorf- und Heimatgeschichten auf und vielen historischen Romanen mit nationalem oder religiös-mythischem Tenor. Zeitgenössische Autoren wie Feuchtwanger, Becher, Tucholsky, Oskar Maria Graf Franz Kafka, Ringelnatz, Kisch, Else Lasker-Schüler, Klaus Mann, Walter Mehring, Erich Mühsam fehlen. Als moderne Zeitromane gelten den BibliothekarInnen Bücher von Thomas Mann, Galsworthy, Thiess, Wassermann, Undset, Hans Grimm, Blunck, Flake, Schaffner, Stehr, Ulitz, Wiechert, Zola, Tolstoi, Dostojewski. Auffallend bei dieser Liste: auch die Vorreiter der NS-Bewegung (Grimm, Blunck, Schaffner) sind bereits in den Zwanziger Jahre in der Bibliothek vertreten (s.dazu meinen Aufsatz: Die ‚geistige‘ Bildung eines Volkes oder: Die Lektüre der ‚kleinen Leute‘ in der Volksbücherei Schöneberg. Buch und Bibliothek 39(1987)11/12, S.960-964). Das weitaus größte Kontingent (25%) unter den LeserInnen bilden ‚Frauen, deren Beruf nicht ermittelt werden konnte‘ = Frauen ohne feste Anstellung, Witwen, Kleinrentnerinnen, Zimmervermieterinnen, Klavierstunden-Geberinnen u.a. 78 % der Entleihungen entfallen 1928 auf die Schöne Literatur. In der Wirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre gibt es einen sprunghaften Anstieg der Leser-, Ausleih- und Lesesaalbesucher-Zahlen in Schöneberg, im Jahre 1932 geht die Zahl der Leser und der Ausleihen bereits wieder zurück, aber nicht die Zahl der Lesesaal-Besucher. Gründe dafür könnten sein: die Abnutzung des Bestandes, die geringen Neuerwerbungen und die Entleihungsgebühr von 1 Mark im Vierteljahr. Im Sommer 1932 gibt der VDV (Verband Deutscher Volksbibliothekare) den Sonderdruck „Die deutschen Bibliothekare und Büchereien in Not“ heraus mit einem Protest gegen weitere Mittelkürzungen angesichts hoher Benutzung und gegen die ‚Rückstufungen der volksbibliothekarischen Kräfte‘. Er enthält auch Angaben über die hohe Zahl der Erwerbslosen unter den LeserInnen: in der Hauptstelle Ebersstraße sind 63 % der LeserInnen erwerbslos (Nähe der Roten Insel!), in allen Schöneberger Büchereien mehr als ein Drittel. Nach der ‚Machtergreifung‘ gehen zwar die Ausleih- und Leserzahlen insgesamt stark zurück, aber die Jugendschriftenausleihe steigt (Ausbau der Jugendliteratur-Bestände, 1938: Neueröffnung der Jugendbücherei Feurigstraße 9). Eine frühere Kollegin berichtet über die Jahre 1933/34: „Die Leser brachten ihre Bücher zurück und sagten: „Neue nehme ich nicht mit, ich hab jetzt Arbeit.“ Leiter der Stadtbücherei Schöneberg ist seit 1925 Bibliotheksrat Schulz, ein aus dem polnischen Korridor verdrängter Mann aus Posen. Er ist zwar kein Nationalsozialist, aber ein national gesonnener Mann, der alle geforderten Maßnahmen korrekt ausführt und bis zu seiner regulären Pensionierung 1937 im Amt bleiben kann. Die übrigen KollegInnen engagieren sich politisch nicht besonders, treten weder der NSDAP noch einer anderen Partei bei, verbinden aber die Machtergreifung mit diffusen Hoffnungen. Zitat einer Kollegin: „Viele haben 1933 aufgeatmet, nun fangen wir neu an, damit es was Vernünftiges wird.“ Der größte Teil der Schöneberger Bibliotheksbeschäftigten bleibt 1933 unbehelligt auf ihren Posten. In den Volksbüchereien gibt es keine jüdischen KollegInnen, allerdings in der direkt dem Bezirksamt unterstellten Verwaltungsbücherei. Am 29.3.1933 werden die dort beschäftigten Kolleginnen Lucie Abraham und Wally Bloch zunächst in die Stadtbücherei versetzt, zum Ende des Jahres aber entlassen. Wally Bloch kann noch eine Weile beim Jüdischen Kulturbund arbeiten, über ihr weiteres Schicksal und das von Lucie Abraham ist nichts bekannt. Zum 20.11.1933 wird die Bibliotheksobersekretärin Traute Such in die Verwaltungsbücherei versetzt und bekommt ab 1.1.1934 eine volle feste Stelle als Ersatz für die zwangspensio-nierten jüdischen Kolleginnen.1938 wird Traute Such in die Stadtbücherei zurückgeholt und bekommt eine der wenigen Inspektorenstellen. Zitat: „Ich wurde meinen alten Kolleginnen, die mich teilweise ausgebildet hatten, vor die Nase gesetzt, was mir sehr peinlich war.“ Im Spätsommer 1939 erhält sie vom Rathaus den Befehl, in die Kriegsdienststelle zu wechseln, erst in die Kartenstelle, dann in das Wirtschaftsamt. 1945 will sie wieder zurück in die Bücherei und beginnt mit ihren Kolleginnen zusammen bereits ab Anfang Mai wieder mit den Aufräumarbeiten in den zerstörten Büchereien. 1950 wird Traute Such mit ausdrücklicher Unterstützung ihrer KollegInnen und ihres männlichen Vorgängers, der rasch in eine höhere Senatsposition aufsteigt, Leiterin der Stadtbücherei Schöneberg. Dieses Amt hat sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1974 inne. In einem Interview, das ich Anfang der 90er Jahre mit ihr führen konnte, bezeichnet sie den Zusammenbruch des Naziregimes mehrfach als „Kladderadatsch“. Über die NS-Zeit macht sie keine besonderen Bemerkungen, aber, dass man damals so sehr für den Tierschutz war, das hat ihr gefallen. Anfang Mai 1933 erhalten die Büchereien von dem „Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien“ eine Liste „Empfehlenswerte Zeitschriften für die Lesesäle der Stadt- und Volksbüchereien“. Bibliotheksrat Schulz bestellt zwar nicht alle empfohlenen, aber doch eine ganze Reihe völkisch-nationaler Blätter wie „Nationalsozialistische Monatshefte“, „Der Reichswart“, „Volk und Rasse“, „Nordische Stimmen“, „Germanien“, „Die Tat“, „Nationalsozialistische Frauenwarte“ usw. und bestellt die vorher noch im Lesesaal vorhandene „Rote Fahne“, den „Vorwärts“ und alle in den Verlagen Mosse und Ullstein erschienenen Zeitschriften weisungsgemäß ab. Zu den Bestandssäuberungen: Auf eine Anfrage des Oberbürgermeisters nach den „Substanzverlusten seit der Machtübernahme“ ergibt sich, dass bis Ende 1935 in Schöneberg 2.461 Bände ausgeschieden wurden, und zwar 690 „durch politische Säuberung“ und 1.771 „durch gänzliches Herausziehen der jüdischen Autoren“. Trotzdem bleibt die Quote der ausgesonderten Bücher in Schöneberg mit ca. 4% gering, verglichen mit dem geschätzten Durchschnitt von etwa 9 bis 10 % in den anderen Bezirken. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Stadtbücherei Schöneberg tatsächlich nicht so viele Bücher ausscheiden musste, weil, wie Bibliotheksrat Schulz in einem Schreiben erläutert, so viele „anstößige“ Werke gar nicht erst angeschafft wurden. 1937 geht Bibliotheksrat Schulz in Pension und wird von dem politisch wesentlich aktiveren Dr. Kahl ersetzt (nach Aussagen einer früheren Kollegin ein SA-Mann). Er engagiert sich bald für die bessere Rahmung eines bereits vorhandenen Führerbildes im Lesesaal und bei der in jedem Herbst stattfindenden nationalen Buchwoche setzt er sich für eine Buchausstellung in Schöneberg zum Thema „Der Bauer im deutschen Buch“ ein. Im Oktober 1938 wünscht er sich vergeblich für die Eröffnung der neuen Jugendbücherei in der Feurigstraße 9 die Einladung des HJ-Fanfarenchors und die Rede des HJ-Standartenfüh-rers. Das wird ihm sogar vom Bürgermeister eher aus räumlichen Gründen abgeschlagen. Er kann danach aber wenigstens noch zur Eröffnung der Bücherschau „Ostmark und Sudetenland“ in den Lesesaal der Zweigstelle Süd einladen. Bei Beginn des Krieges werden 5 BibliothekarInnen und 1 Buchbinder in Kriegsdienststellen versetzt. Daraufhin müssen 3 Schöneberger Büchereien bzw. Buchausgabestellen geschlossen werden. 1943 wird die Bücherei Nord durch Bombenangriffe zerstört und die Hauptstelle schwer beschädigt. Noch am 1.Mai 1945 brennt das Rathaus Friedenau, ein Teil des Bestandes der Zweigstelle Süd, ihr Lesesaal und sämtliche Kataloge werden zerstört. Nach Kriegsende holen die Bibliothekarinnen ausgesonderte Bestände wieder aus dem Zwischenboden, in dem sie einen Teil gelagert hatten, und aus dem Marstall zurück. Sie machen sich an die neuerliche Säuberung der Bestände und an die erstaunlich schnelle Wiedereröffnung einzelner Büchereien. Bereits am 7.6.1945 beginnen sie mit der Ausleihe in der Volksbücherei Süd, und die LeserInnen stehen Schlange (s. Großfoto in der Nachkriegsbroschüre). Die Bilanz des Krieges im Berliner Bibliothekswesen:* Am 1.Juli 1939 bestanden in Berlin: Am 31.August 1945 bestanden in Berlin: 106 Volksbüchereien mit 43 Volksbüchereien mit 900 571 Büchern 393 077 Büchern 83 673 Lesern 15 266 Lesern 202 Bibliothekaren 107 Bibliothekaren 144 Technischen Kräften 66 Technischen Kräften es wurden 1 630 918 Bücher ausgeliehen es wurden täglich 3 676 Bücher ausgeliehen * aus: Der Neuaufbau der Berliner Volksbüchereien 1945-1946, Historisches Archiv der Berliner Stadtbibliothek, VA, HA ÖB, Schuber: Statistik ÖB, Graphische Darstellungen. Ohne Seitenangabe. Literaturangaben: – Kreuzberg 1933. Ein Bezirk erinnert sich. Berlin: Kunstamt Kreuzberg u.a. 1983. 167 S. Darin: Frauke Hansen (ab 1987: Mahrt-Thomsen): „Buch und Büchse – das ist mein Befehl“. Kreuzberger Stadtbüchereien im Nationalsozialismus, S.123-127. – Leben in Schöneberg/Friedenau 1933-1945. Von Gisela Wenzel u.a. Berlin: Bezirksamt Schöneberg 2.Aufl. 1987. (Schöneberg auf dem Weg nach Berlin) Darin: Frauke Hansen: Die „Scheidung der Geister“ oder „Frontarbeit am Leser“. Die Volksbüchereien in Schöneberg, S.52-55. – Frauke Mahrt-Thomsen: 150 Jahre. Von den Berliner Volksbibliotheken zur Stadtbibliothek Kreuzberg – eine Chronik. Berlin: Stadtbibliothek


Text des Vortrages von Frauke Mahrt-Thomsen am 25.4.2019:: „Standing Order“ und „Hugendubelisierung“ Zu Gegenwart und Zukunft der Berliner öffentlichen Bibliotheken.
Liebe Anwesende, heute wollen mein Kollege Peter Delin und ich – wir vertreten beide die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken – den Versuch machen, den gegenwärtigen Zustand und die zukünftige Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Berlin zu charakterisieren. Ich werde mich mit den Bezirksbibliotheken beschäftigen und Peter Delin konzentriert sich auf die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, abgekürzt ZLB. Um den gegenwärtigen Zustand der Bezirksbibliotheken zu beschreiben, ist ein Rückblick in die vergangenen Jahrzehnte erforderlich. Seit der Schaffung von Groß-Berlin und der Bildung relativ eigenständiger Bezirke in den Zwanziger Jahren wurde festgelegt, dass die lokalen öffentlichen Bibliotheken nicht Teile eines zentral gelenkten, gesamtstädtischen Bibliothekssystems sind, sondern den Bezirksverwaltungen unterstellt werden, und dass die übergeordnete Berliner Stadtbibliothek (BStB / jetzt: ZLB) nur begrenzt koordinierende und Servicefunktionen für die Bezirksbibliotheken wahrnimmt, aber keine Zentrale im engeren Sinne darstellt, die alle öffentlichen Bibliotheken nach einheitlichen Vorgaben der Zentrale verwaltet. In der Nachkriegszeit setzte sich diese Eigenverantwortung der Bezirksbibliotheken in Berlin West und Ost fort, wobei wichtige Rahmenbedingungen – Bemessung von personellen und materiellen Ressourcen, Aufbauplanungen, Benutzungsordnungen etc. – auf gesamtstädtischer Ebene vom Senat oder Magistrat festgelegt wurden, mit unterschiedlichen Akzentsetzungen in Ost und West, z.B. mehr methodische Anleitung durch die BStB im Osten und größere Möglichkeiten der Medienauswahl im Westen. Sehr schnell können aufgrund der gleichartigen Bezirksstrukturen nach der Wende die Weichen für die Zusammenarbeit der öffentlichen Bibliotheken in Berlin gestellt werden. Die notwendigen Angleichungen bei der Bestandserschließung/Systematik und in kleineren Strukturfragen erfolgen rasch (bis 1991), nur für die jetzt doppelt vorhandenen zentralen Häuser – Amerika-Gedenkbibliothek und Berliner Stadtbibliothek – muss eine neue Lösung gefunden werden. Sie besteht in der Zusammenführung beider Bibliotheken in einer Einrichtung mit zwei Standorten, durch die Gründung der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Jahre 1995. Dazu mehr von Peter Delin. Zwar gibt es in der ersten Nachwendezeit zunächst Extragelder aus verschiedenen Töpfen für die Bestandserneuerung der Bibliotheken, insbesondere in den östlichen Bezirken. Aber infolge des raschen Abbaus der einst reichlich fließenden Berlin-Hilfe der Bundesregierung (einstmals rund 7,4 Milliarden € oder fast ein Drittel des Westberliner Etats) verschlechtert sich die Finanzlage der Stadt rapide. Es kommt zu heftigen Einschnitten in den öffentlichen Haushalten auf Senats- und Bezirksebene, von denen die öffentlichen Bibliotheken umso härter getroffen werden, weil sie eine freiwillige Leistung der Kommunen darstellen, keine Pflichtaufgabe. Bis heute gibt es in der BRD und den meisten Bundesländern einschließlich Berlin im Gegensatz zu anderen, demokratisch strukturierten Ländern (England, USA, skandina-vische Länder) überhaupt keine Bibliotheksgesetze, schon gar keine Pflichtgesetze, die den Staat oder das Land zu materiellen Mindestleistungen verpflichten. Die in einigen wenigen Bundesländern inzwischen verabschiedeten Bibliotheksgesetze (Thüringen, Hessen, Schleswig-Holstein) sind sozusagen zahnlose Tiger, bloße Würdigung der Rolle der Bibliotheken und Aufgabenbeschreibungen, die zu keinen konkreten Leistungen verpflichten. Anfang der 90er Jahre wird unter Federführung der Senatskulturverwaltung ein Bibliotheksentwicklungsplan für Berlin fertiggestellt, der gewisse Mindeststandards definiert, z.B. für die Anzahl der Medien, auch in den Sprachen der Migranten, die pro Kopf der Bevölkerung vorhanden sein sollen (2,5 Medien/E), oder dass eine öffentliche Bibliothek für jeden Bürger/jede Bürgerin in höchstens 1,5 km Entfernung erreichbar sein soll. Der Bibliotheksentwicklungsplan von 1995 wird vom Senat zwar zur Kenntnis genommen, aber nie vom Abgeordnetenhaus verabschiedet. Er wird auf Eis gelegt. Über die Köpfe der Bezirksbibliotheken und ihrer BenutzerInnen hinweg führt der Senat im gleichen Jahr Leserausweis-Gebühren ein, die es bis dahin weder in Ost- noch in Westberlin gab. Sie stehen in Widerspruch zu der bis heute gültigen Grundüberzeugung in den oben genannten demokratischen und wahrscheinlich auch in vielen ehemals sozialistischen Staaten, dass die Benutzung öffentlicher Bibliotheken kostenlos sein soll. Mitte der 90er Jahre beauftragt der Senat für viele Millionen (30 Mill. €?) eine externe Beratungsfirma (KPMG) damit, die öffentliche Verwaltung in Berlin zu untersuchen und Vorschläge für ihre Neustrukturierung zu machen. Heraus kommt eine an neoliberalen Vorstellungen orientierte Kosten-Leistungs-Rechnung (KLR), die sich primär an quantitativen Zahlen orientiert und nicht qualitativen und sozialen Kriterien. Sie wird den Bibliotheken und anderen bezirklichen Kultureinrichtungen oktroyiert und ist bis heute maßgebend für die Ressourcenverteilung. Die Bezirksbibliotheken müssen für die Erfassung ihrer Arbeit sogenannte Produkte definieren, wie Ausleih- und Besucherzahlen, und um die billigsten Durchschnittswerte für die Erzielung dieser Produkte mit den anderen Bezirken konkurrieren. Die sogenannten Mediane sind bis heute die Grundlage für die vom Senat den Bezirken zur Verfügung gestellten Mittel für die Bibliotheken. Die Bezirke können zwar über die Zuwendungen für ihre Bibliotheken ‚frei‘ entscheiden und über diese Senatsgelder hinaus gehen, aber angesichts ständiger Finanznöte und da es sich nicht um gesetzliche Pflichtaufgaben handelt, besteht immer die Gefahr, dass bei den Bibliotheken eher noch gespart wird. Der Wettlauf um die billigsten KLR-Werte ist eine Schraube ohne Ende, die für die Hälfte der Bezirke in der Regel abwärts führt und die Ungleichheit bei der Versorgung der Bevölkerung mit Bibliotheksdienstleistungen fortlaufend vergrößert. Inhaltliche Fragen, wie die Qualität der Bestände und der ausgeliehenen Medien, die Nutzung der Medien vor Ort, das Ausmaß der Dienstleistungen für sozial benachteiligte Schichten oder besonders zu fördernde Bevölkerungsgruppen (Literaturbedürfnisse der MigrantInnen) spielen keine Rolle. Die Erwerbungsetats der bezirklichen Bibliotheken werden ab Mitte der 90er Jahre rigoros gekürzt (1993 noch 12,9 Mill. DM = ca. 6,5 Mill. €, 2003 nur 2 Mill. €, 2016 und Folgejahre dann leichte Anhebungen auf ca. 4 Mill. €). Ebenso abwärts geht es beim Personal: 2001 gab es in den Bezirksbibliotheken noch 1.098 Stellen, 2016 noch 684 = mehr als 1/3 weniger! Die Sparpolitik führt dazu, dass das Netz der Berliner öffentlichen Bibliotheken seit den 1990er Jahren in rasantem Tempo schrumpft: von ca. 220 Standorten in der ersten Nachwendezeit auf ca. 115 Standorte im Jahre 2009 und – nach dem letzten, mir vorliegenden offiziellen Adressenverzeichnis von 2017/2018 – auf 65 Bibliotheksstandorte und 8 Fahrbüchereien plus die beiden Standorte der ZLB am Blücherplatz und in der Breiten Straße. Dieser übermäßige Schrumpfungsprozess liegt nicht primär an der punktuell durchaus sinnvollen Zusammenlegung von Kleinsteinrichtungen zu Bibliotheken mittlerer Größenordnung, sondern ist neben den Etatkürzungen sehr stark auf die rigorosen Stellenstreichungen zurückzuführen, die der Senats in immer neuen Wellen den Bezirken auferlegt. Notgedrungen müssen die Bezirke diese mehr oder weniger proportional auf alle Bereiche ihrer Verwaltung verteilen. Die Bibliotheksschließungen gehen aber auch auf den Mangel an konstruktiver Bibliotheks- und Stadtentwicklungspolitik auf Landesebene zurück. Die langjährige Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Alice Ströver, kommt Ende 2010 zu dem Schluss: „…der Zustand in den Bezirken ist extrem unterschiedlich, je nach Wertschätzung, das ist eine unhaltbare Situation. Es gibt keine Qualitätskriterien bei Schließungen, es gibt nur Geld-Kriterien, noch nicht einmal das Kriterium der Stadtentwicklung…Seit 2005 gibt es eine echte Schockstarre bezüglich der Bibliothekspolitik in dieser Stadt, es gibt einen riesigen Berg von Vorschlägen, z.Bsp. das ‚Olympia-Modell‘ für die Förderung der bezirklichen Bibliotheken, auch durch moderate Senatszuschüsse, aber es ist …nichts passiert.“ Trotzdem führt dieser Mangel keineswegs zu einem Desinteresse der BerlinerInnen an der Benutzung ihrer Bibliotheken. Im Gegenteil: die Gesamtzahl der Entleihungen liegt unverändert hoch bei ca. 24 Mill., davon 3,6 Mill. (bei 3,5 Mill. Bestand) in der ZLB und 20,4 Mill. (bei 4 Mill. Bestand) in den Bezirken, und die Gesamtzahl der Besuche ist von 2015 bis 2017 sogar noch deutlich gestiegen, von 9,1 auf 9,4 Millionen). Im Wettlauf um das Erreichen der Durchschnittswerte innerhalb der KLR, in Folge der Personalkürzungen und des auch vom Rechnungshof ausgeübten Rationalisierungsdrucks gehen die Bezirksbibliotheken im Laufe der 2000er Jahre immer mehr zum Outsourcen ihres Bestandsaufbaus über und erteilen sogenannte „Standing Order“-Aufträge, zunächst überwiegend an die ekz, die Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken in Reutlingen/ Baden-Württemberg, zunehmend auch an den Münchener Großbuchhändler Hugendubel. Die ekz ist längst keine Gemeinschaftseinrichtung der öffentlichen Bibliotheksträger mehr, sondern eine Privatfirma, im Besitz und über viele Jahre geleitet von ehemaligen Bertelsmann-Managern. Nur im Kinder- und Jugendbuchbereich geben die Bezirksbibliotheken ihre Aufträge z.T. noch an lokale Kinderbuchhandlungen weiter, sonst bleiben für die Berliner Buchhändler zunehmend nur noch Restsummen-Käufe, Eil-Bestellungen und Bestseller-Abos der öffentlichen Bibliotheken. Diese Restsummen betragen nach grober Schätzung nur noch ca. 15-20 % der Erwerbungsetats. 2005 legt eine vom Senat beauftragte, externe Expertenkommission ihren Abschluss-bericht über die Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken vor. Dieser stellt fest, dass die selbstgesteckten Ziele mit den Methoden der KLR nicht erreicht werden. „Die Berliner KLR in ihrer jetzigen Form ist für die öffentlichen Bibliotheken kein geeignetes Steuerungs-instrument.“ Die ExpertInnen stellen fest, dass eine einheitliche Versorgung Berlins nicht gegeben ist. Das gelte erst recht für Sprach- und Leseförderprogramme und für fremdsprachige Literatur. Sie richten die dringende Forderung an den Senat: wenn sich schon die Bezirksstrukturen nicht aufheben lassen, dann müssten sie wenigstens überspielt werden, durch wesentlich stärkere Vorgaben und direkte Zuschüsse des Senats. Der Senat zieht keine Schlussfolgerungen aus den Empfehlungen seiner Expertenkommission. Er findet es auch nicht kritikwürdig, dass der Einkauf der Bezirksbibliotheken zunehmend bei einigen wenigen externen Großlieferanten erfolgt und dass die Neuerwerbungen in wachsendem Maße aus Ratgebern, Bestsellern und Mainstream-Literatur bestehen. Die inhaltliche Verantwortung der Bibliotheksbeschäftigten für den Bestandsaufbau und das Recht der NutzerInnen auf ein differenziertes Buch- und Medienangebot, das sich an ihren Wünschen, an den konkreten Bedürfnissen von GroßstadtbewohnerInnen im Umfeld der Bibliotheken orientiert, bleibt durch die Standing-Order-Aufträge, die auf den Durchschnittsbedarf weit kleinerer Orte zugeschnitten sind, zunehmend auf der Strecke. Die Zukunftsorientierung der Bibliotheksförderung, die die Senatskulturverwaltung heute so gern für sich in Anspruch nimmt, erschöpft sich sehr stark in der Unterstützung technolo-gischer Innovationen, wie die Einführung oder Erneuerung der RFID (Radio-Frequenz-Identifikation) für die Ausleihverbuchung, oder – in der jüngsten Phase – durch die Verstärkung digitaler Onleihe-Angebote und -Hilfsmittel. So z.B. durch die Verbesserung des WLAN-Zugangs, die Zurverfügungstellung von IPads, Whiteboards, Gamingzonen, Makerspaces, Informationsmonitoren u.a. Das mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnete Portal “filmfriend“ stellt bei genauerem Hinsehen letztlich nur eine sehr begrenzte Auswahl von Filmen, Dokumentationen und Serien zur Verfügung. Dem Jahresbericht 2017 ist zu entnehmen, dass der Senat in den Jahren 2018 und 2019 allen Bezirken 600.000 € für E-Medien zur Verfügung stellt, das bedeutet immerhin eine Verdoppelung des Erwerbungsetats für E-Medien im VÖBB (Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins). Aus den Kreisen der Amtsleiter und -leiterinnen der Bezirksbibliotheken und der Senatskulturverwaltung verlautet inzwischen, dass es einen neuen Berliner Bibliotheks-entwicklungsplan geben wird und dass als erstes vorgesehen ist, für die Begleitung des Planungsprozesses eine Beratungsfirma zu engagieren. Was dazu in welchen Gremien besprochen und verabredet wurde, welcher Zeitrahmen vorgesehen ist, welche Verbindlichkeit die Ergebnisse, z.B. empfohlene Standards für die Mindestausstattung der öffentlichen Bibliotheken haben sollen – wir wissen es nicht, denn es gibt keine fortlaufende Information der Öffentlichkeit, die Bürgerinnen und Bürger sind ausgeschlossen von diesem Prozess. Am 17.4.19. erreichte uns auf verschiedenen Medienkanälen die Meldung, dass der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses 33,5 Mill € für die öffentlichen Bibliotheken freigegeben hat, um sie „fit zu machen für die Digitalisierung“. Das klingt viel, aber davon sind allein 17 Mill. € vorgesehen für die Erneuerung der RFID-Verbuchung, die Modernisierung technischer Ausstattungen und die Digitalisierung, wobei nicht klar ist, für welche Digitalisierungsprojekte. 12 Mill. €. Sind vorgesehen für die dezentrale Kulturinfrastruktur der Bibliotheken, als Beispiele genannt werden ‚mobiles Mobiliar, veranstaltungsspezifische Technik, flexible Raumtrennungen‘. Bibliotheken sollen unter Hinweis auf das Strategiepapier des Senats vom 18.7.2016: „Attraktive Bibliotheken für die Metropole Berlin“ als sogenannte ‚dritte Orte‘ (neben der Wohnung und dem Arbeitsplatz) hergerichtet werden, Bibliotheken sollen als „Begegnungsort und öffentliches Wohn- und Arbeitszimmer“, als „Foren politischer Partizipation für die Kiez- und Metropolgesellschaft“ und als „Ausdruck der Berliner Willkommenskultur“ funktionieren. Aber die Abschaffung der neoliberalen KLR wird auch vom derzeitigen Kultursenator – im Gegensatz zum Programm seiner Partei Die Linke vor den Wahlen – nicht angestrebt und inhaltliche Weichenstellungen für den Aufbau qualitätsorientierter Buch- und Medien-bestände sowie fortgeschrittener Dienstleistungen für alle NutzerInnen im IT-Bereich (z.B. Discovery-Systeme für sehr viele bessere Suchergebnisse bei Recherchen) werden nicht in Angriff genommen. Die Bürgerinitiative (vormals: Arbeitskreis) Berliner Stadtbibliotheken hat Dr.Klaus Lederer in einem Brief vom 22.4.2017 zu einer grundsätzlichen Kehrtwende in der Berliner Bibliothekspolitik aufgefordert und ihn dringend gebeten, notwendige Schritte zu einer Verbesserung der mehr als bescheidenen Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken einzuleiten. Nach einer völlig unbefriedigenden Antwort, die darauf schließen ließ, dass es für ihn bzw. seine nachgeordneten MitarbeiterInnen zu viel der Mühe war, unseren Forderungskatalog genauer durchzulesen, haben wir dem Senator am 21.8.2017 die Forderungen noch einmal in Kurzform, in einem 7-Punkte-Programm übermittelt. Unsere Forderungen lauten: 1. Abschaffung der Kosten-Leistungs-Rechnung wegen ihrer schädlichen und kontraproduktiven Auswirkungen auf die Bestandsqualität aller Bezirksbibliotheken und auf die gleichwertige Versorgung aller Berliner BürgerInnen mit Bibliotheksdienstleistungen. 2. Massive Aufstockung der den Bezirken zugewiesenen Erwerbungsetats, um differenzierte, an den tatsächlichen Bedürfnissen der BenutzerInnen orientierte Buch- und Medienbestände aufbauen zu können. 3.Qualitativ anspruchsvolle, von FachkollegInnen vor Ort ausgewählte Buchbestände bleiben für die BenutzerInnen das Kernangebot öffentlicher Bibliotheken, der Beweis dafür wurde in mehreren, auch internationalen Umfragen erbracht. Die Standing Order/Outsourcing-Praxis, die Auftragsvergabe an auswärtige Buch-Großkaufhäuser muss abgeschafft werden, da sie die schrittweise Privatisierung einer Kernaufgabe der öffentlichen Bibliotheken, eines Bestandsaufbaus, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, bedeutet. Aussonderungen aus den Beständen dürfen nur aus inhaltlichen Gründen vorgenommen werden, nicht primär, um die Umsatz- oder KLR-Statistik zu verbessern. 4. Ein umfassendes Sonderprogramm für die Sanierung und Neugestaltung der Bezirksbibliotheken ist erforderlich (Kostenschätzung: ca. 50 Mill. €), zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und der Nutzungsmöglichkeiten für alle StadtteilbewohnerInnen, 5. Aufstockung des Personals nach anerkannten Kennzahlen vorhandener Bibliotheksentwicklungspläne. Zügige Bearbeitung und Inkraftsetzung eines Berliner Bibliotheksentwicklungsplans und eines Berliner Bibliotheksgesetzes, dass die ausreichende Ausstattung und Finanzierung der Bezirksbibliotheken zu Pflichtaufgabe macht, 6. Beschleunigter Ausbau der ZLB an dem inzwischen endlich festgelegten Standort (Blücherplatz), unter Berücksichtigung der notwendigen und zukünftigen Aufgaben als funktionierende zentrale Servicebibliothek für alle Bezirke. 7. Der begonnene, von der Senatspolitik hochgelobte Einstieg in die „Digitalen Welten“ bedeutet nicht automatisch eine qualitative Verbesserung. Es geht um die umfassende Erhöhung der Qualität aller Serviceangebote der öffentlichen Bibliotheken, analog und digital. Eine weitere Forderung, die wir als Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken inzwischen entwickelt und am 18.3.2019 auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgetragen haben, möchten wir jetzt ergänzen, sie lautet: „Bürgerrat statt Mitmachfalle. Ein Vorschlag zur Partizipation an öffentlichen Bibliotheken.“ Wir fordern die direkt-demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an ‚ihrer‘ Bibliothek, echte Anhörungs- und Mitentscheidungs-rechte in einem Bürger- und Zukunftsrat Bibliotheken. Wir sind der Überzeugung, dass ein solcher Rat in Hinblick auf demokratische Legitimität, Qualität, Innovation und praktische Umsetzung der Wünsche der BürgerInnen eine bessere und konsensfähigere Aufgaben-erfüllung im Sinne des Gemeinswohls gewährleistet, als dies ohne seine Beratung und Mitentscheidung der Fall ist. Letzte Überarbeitung: 29.4.2019 Frauke Mahrt-Thomsen
Text des Vortrages von Frauke Mahrt-Thomsen am 25.4.2019:: „Standing Order“ und „Hugendubelisierung“ Zu Gegenwart und Zukunft der Berliner öffentlichen Bibliotheken: Liebe Anwesende, heute wollen mein Kollege Peter Delin und ich – wir vertreten beide die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken – den Versuch machen, den gegenwärtigen Zustand und die zukünftige Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken in Berlin zu charakterisieren. Ich werde mich mit den Bezirksbibliotheken beschäftigen und Peter Delin konzentriert sich auf die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, abgekürzt ZLB. Um den gegenwärtigen Zustand der Bezirksbibliotheken zu beschreiben, ist ein Rückblick in die vergangenen Jahrzehnte erforderlich. Seit der Schaffung von Groß-Berlin und der Bildung relativ eigenständiger Bezirke in den Zwanziger Jahren wurde festgelegt, dass die lokalen öffentlichen Bibliotheken nicht Teile eines zentral gelenkten, gesamtstädtischen Bibliothekssystems sind, sondern den Bezirksverwaltungen unterstellt werden, und dass die übergeordnete Berliner Stadtbibliothek (BStB / jetzt: ZLB) nur begrenzt koordinierende und Servicefunktionen für die Bezirksbibliotheken wahrnimmt, aber keine Zentrale im engeren Sinne darstellt, die alle öffentlichen Bibliotheken nach einheitlichen Vorgaben der Zentrale verwaltet. In der Nachkriegszeit setzte sich diese Eigenverantwortung der Bezirksbibliotheken in Berlin West und Ost fort, wobei wichtige Rahmenbedingungen – Bemessung von personellen und materiellen Ressourcen, Aufbauplanungen, Benutzungsordnungen etc. – auf gesamtstädtischer Ebene vom Senat oder Magistrat festgelegt wurden, mit unterschiedlichen Akzentsetzungen in Ost und West, z.B. mehr methodische Anleitung durch die BStB im Osten und größere Möglichkeiten der Medienauswahl im Westen. Sehr schnell können aufgrund der gleichartigen Bezirksstrukturen nach der Wende die Weichen für die Zusammenarbeit der öffentlichen Bibliotheken in Berlin gestellt werden. Die notwendigen Angleichungen bei der Bestandserschließung/Systematik und in kleineren Strukturfragen erfolgen rasch (bis 1991), nur für die jetzt doppelt vorhandenen zentralen Häuser – Amerika-Gedenkbibliothek und Berliner Stadtbibliothek – muss eine neue Lösung gefunden werden. Sie besteht in der Zusammenführung beider Bibliotheken in einer Einrichtung mit zwei Standorten, durch die Gründung der Stiftung Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Jahre 1995. Dazu mehr von Peter Delin. Zwar gibt es in der ersten Nachwendezeit zunächst Extragelder aus verschiedenen Töpfen für die Bestandserneuerung der Bibliotheken, insbesondere in den östlichen Bezirken. Aber infolge des raschen Abbaus der einst reichlich fließenden Berlin-Hilfe der Bundesregierung (einstmals rund 7,4 Milliarden € oder fast ein Drittel des Westberliner Etats) verschlechtert sich die Finanzlage der Stadt rapide. Es kommt zu heftigen Einschnitten in den öffentlichen Haushalten auf Senats- und Bezirksebene, von denen die öffentlichen Bibliotheken umso härter getroffen werden, weil sie eine freiwillige Leistung der Kommunen darstellen, keine Pflichtaufgabe. Bis heute gibt es in der BRD und den meisten Bundesländern einschließlich Berlin im Gegensatz zu anderen, demokratisch strukturierten Ländern (England, USA, skandina-vische Länder) überhaupt keine Bibliotheksgesetze, schon gar keine Pflichtgesetze, die den Staat oder das Land zu materiellen Mindestleistungen verpflichten. Die in einigen wenigen Bundesländern inzwischen verabschiedeten Bibliotheksgesetze (Thüringen, Hessen, Schleswig-Holstein) sind sozusagen zahnlose Tiger, bloße Würdigung der Rolle der Bibliotheken und Aufgabenbeschreibungen, die zu keinen konkreten Leistungen verpflichten. Anfang der 90er Jahre wird unter Federführung der Senatskulturverwaltung ein Bibliotheksentwicklungsplan für Berlin fertiggestellt, der gewisse Mindeststandards definiert, z.B. für die Anzahl der Medien, auch in den Sprachen der Migranten, die pro Kopf der Bevölkerung vorhanden sein sollen (2,5 Medien/E), oder dass eine öffentliche Bibliothek für jeden Bürger/jede Bürgerin in höchstens 1,5 km Entfernung erreichbar sein soll. Der Bibliotheksentwicklungsplan von 1995 wird vom Senat zwar zur Kenntnis genommen, aber nie vom Abgeordnetenhaus verabschiedet. Er wird auf Eis gelegt. Über die Köpfe der Bezirksbibliotheken und ihrer BenutzerInnen hinweg führt der Senat im gleichen Jahr Leserausweis-Gebühren ein, die es bis dahin weder in Ost- noch in Westberlin gab. Sie stehen in Widerspruch zu der bis heute gültigen Grundüberzeugung in den oben genannten demokratischen und wahrscheinlich auch in vielen ehemals sozialistischen Staaten, dass die Benutzung öffentlicher Bibliotheken kostenlos sein soll. Mitte der 90er Jahre beauftragt der Senat für viele Millionen (30 Mill. €?) eine externe Beratungsfirma (KPMG) damit, die öffentliche Verwaltung in Berlin zu untersuchen und Vorschläge für ihre Neustrukturierung zu machen. Heraus kommt eine an neoliberalen Vorstellungen orientierte Kosten-Leistungs-Rechnung (KLR), die sich primär an quantitativen Zahlen orientiert und nicht qualitativen und sozialen Kriterien. Sie wird den Bibliotheken und anderen bezirklichen Kultureinrichtungen oktroyiert und ist bis heute maßgebend für die Ressourcenverteilung. Die Bezirksbibliotheken müssen für die Erfassung ihrer Arbeit sogenannte Produkte definieren, wie Ausleih- und Besucherzahlen, und um die billigsten Durchschnittswerte für die Erzielung dieser Produkte mit den anderen Bezirken konkurrieren. Die sogenannten Mediane sind bis heute die Grundlage für die vom Senat den Bezirken zur Verfügung gestellten Mittel für die Bibliotheken. Die Bezirke können zwar über die Zuwendungen für ihre Bibliotheken ‚frei‘ entscheiden und über diese Senatsgelder hinaus gehen, aber angesichts ständiger Finanznöte und da es sich nicht um gesetzliche Pflichtaufgaben handelt, besteht immer die Gefahr, dass bei den Bibliotheken eher noch gespart wird. Der Wettlauf um die billigsten KLR-Werte ist eine Schraube ohne Ende, die für die Hälfte der Bezirke in der Regel abwärts führt und die Ungleichheit bei der Versorgung der Bevölkerung mit Bibliotheksdienstleistungen fortlaufend vergrößert. Inhaltliche Fragen, wie die Qualität der Bestände und der ausgeliehenen Medien, die Nutzung der Medien vor Ort, das Ausmaß der Dienstleistungen für sozial benachteiligte Schichten oder besonders zu fördernde Bevölkerungsgruppen (Literaturbedürfnisse der MigrantInnen) spielen keine Rolle. Die Erwerbungsetats der bezirklichen Bibliotheken werden ab Mitte der 90er Jahre rigoros gekürzt (1993 noch 12,9 Mill. DM = ca. 6,5 Mill. €, 2003 nur 2 Mill. €, 2016 und Folgejahre dann leichte Anhebungen auf ca. 4 Mill. €). Ebenso abwärts geht es beim Personal: 2001 gab es in den Bezirksbibliotheken noch 1.098 Stellen, 2016 noch 684 = mehr als 1/3 weniger! Die Sparpolitik führt dazu, dass das Netz der Berliner öffentlichen Bibliotheken seit den 1990er Jahren in rasantem Tempo schrumpft: von ca. 220 Standorten in der ersten Nachwendezeit auf ca. 115 Standorte im Jahre 2009 und – nach dem letzten, mir vorliegenden offiziellen Adressenverzeichnis von 2017/2018 – auf 65 Bibliotheksstandorte und 8 Fahrbüchereien plus die beiden Standorte der ZLB am Blücherplatz und in der Breiten Straße. Dieser übermäßige Schrumpfungsprozess liegt nicht primär an der punktuell durchaus sinnvollen Zusammenlegung von Kleinsteinrichtungen zu Bibliotheken mittlerer Größenordnung, sondern ist neben den Etatkürzungen sehr stark auf die rigorosen Stellenstreichungen zurückzuführen, die der Senats in immer neuen Wellen den Bezirken auferlegt. Notgedrungen müssen die Bezirke diese mehr oder weniger proportional auf alle Bereiche ihrer Verwaltung verteilen. Die Bibliotheksschließungen gehen aber auch auf den Mangel an konstruktiver Bibliotheks- und Stadtentwicklungspolitik auf Landesebene zurück. Die langjährige Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Alice Ströver, kommt Ende 2010 zu dem Schluss: „…der Zustand in den Bezirken ist extrem unterschiedlich, je nach Wertschätzung, das ist eine unhaltbare Situation. Es gibt keine Qualitätskriterien bei Schließungen, es gibt nur Geld-Kriterien, noch nicht einmal das Kriterium der Stadtentwicklung…Seit 2005 gibt es eine echte Schockstarre bezüglich der Bibliothekspolitik in dieser Stadt, es gibt einen riesigen Berg von Vorschlägen, z.Bsp. das ‚Olympia-Modell‘ für die Förderung der bezirklichen Bibliotheken, auch durch moderate Senatszuschüsse, aber es ist …nichts passiert.“ Trotzdem führt dieser Mangel keineswegs zu einem Desinteresse der BerlinerInnen an der Benutzung ihrer Bibliotheken. Im Gegenteil: die Gesamtzahl der Entleihungen liegt unverändert hoch bei ca. 24 Mill., davon 3,6 Mill. (bei 3,5 Mill. Bestand) in der ZLB und 20,4 Mill. (bei 4 Mill. Bestand) in den Bezirken, und die Gesamtzahl der Besuche ist von 2015 bis 2017 sogar noch deutlich gestiegen, von 9,1 auf 9,4 Millionen). Im Wettlauf um das Erreichen der Durchschnittswerte innerhalb der KLR, in Folge der Personalkürzungen und des auch vom Rechnungshof ausgeübten Rationalisierungsdrucks gehen die Bezirksbibliotheken im Laufe der 2000er Jahre immer mehr zum Outsourcen ihres Bestandsaufbaus über und erteilen sogenannte „Standing Order“-Aufträge, zunächst überwiegend an die ekz, die Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken in Reutlingen/ Baden-Württemberg, zunehmend auch an den Münchener Großbuchhändler Hugendubel. Die ekz ist längst keine Gemeinschaftseinrichtung der öffentlichen Bibliotheksträger mehr, sondern eine Privatfirma, im Besitz und über viele Jahre geleitet von ehemaligen Bertelsmann-Managern. Nur im Kinder- und Jugendbuchbereich geben die Bezirksbibliotheken ihre Aufträge z.T. noch an lokale Kinderbuchhandlungen weiter, sonst bleiben für die Berliner Buchhändler zunehmend nur noch Restsummen-Käufe, Eil-Bestellungen und Bestseller-Abos der öffentlichen Bibliotheken. Diese Restsummen betragen nach grober Schätzung nur noch ca. 15-20 % der Erwerbungsetats. 2005 legt eine vom Senat beauftragte, externe Expertenkommission ihren Abschluss-bericht über die Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken vor. Dieser stellt fest, dass die selbstgesteckten Ziele mit den Methoden der KLR nicht erreicht werden. „Die Berliner KLR in ihrer jetzigen Form ist für die öffentlichen Bibliotheken kein geeignetes Steuerungs-instrument.“ Die ExpertInnen stellen fest, dass eine einheitliche Versorgung Berlins nicht gegeben ist. Das gelte erst recht für Sprach- und Leseförderprogramme und für fremdsprachige Literatur. Sie richten die dringende Forderung an den Senat: wenn sich schon die Bezirksstrukturen nicht aufheben lassen, dann müssten sie wenigstens überspielt werden, durch wesentlich stärkere Vorgaben und direkte Zuschüsse des Senats. Der Senat zieht keine Schlussfolgerungen aus den Empfehlungen seiner Expertenkommission. Er findet es auch nicht kritikwürdig, dass der Einkauf der Bezirksbibliotheken zunehmend bei einigen wenigen externen Großlieferanten erfolgt und dass die Neuerwerbungen in wachsendem Maße aus Ratgebern, Bestsellern und Mainstream-Literatur bestehen. Die inhaltliche Verantwortung der Bibliotheksbeschäftigten für den Bestandsaufbau und das Recht der NutzerInnen auf ein differenziertes Buch- und Medienangebot, das sich an ihren Wünschen, an den konkreten Bedürfnissen von GroßstadtbewohnerInnen im Umfeld der Bibliotheken orientiert, bleibt durch die Standing-Order-Aufträge, die auf den Durchschnittsbedarf weit kleinerer Orte zugeschnitten sind, zunehmend auf der Strecke. Die Zukunftsorientierung der Bibliotheksförderung, die die Senatskulturverwaltung heute so gern für sich in Anspruch nimmt, erschöpft sich sehr stark in der Unterstützung technolo-gischer Innovationen, wie die Einführung oder Erneuerung der RFID (Radio-Frequenz-Identifikation) für die Ausleihverbuchung, oder – in der jüngsten Phase – durch die Verstärkung digitaler Onleihe-Angebote und -Hilfsmittel. So z.B. durch die Verbesserung des WLAN-Zugangs, die Zurverfügungstellung von IPads, Whiteboards, Gamingzonen, Makerspaces, Informationsmonitoren u.a. Das mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnete Portal “filmfriend“ stellt bei genauerem Hinsehen letztlich nur eine sehr begrenzte Auswahl von Filmen, Dokumentationen und Serien zur Verfügung. Dem Jahresbericht 2017 ist zu entnehmen, dass der Senat in den Jahren 2018 und 2019 allen Bezirken 600.000 € für E-Medien zur Verfügung stellt, das bedeutet immerhin eine Verdoppelung des Erwerbungsetats für E-Medien im VÖBB (Verbund der öffentlichen Bibliotheken Berlins). Aus den Kreisen der Amtsleiter und -leiterinnen der Bezirksbibliotheken und der Senatskulturverwaltung verlautet inzwischen, dass es einen neuen Berliner Bibliotheks-entwicklungsplan geben wird und dass als erstes vorgesehen ist, für die Begleitung des Planungsprozesses eine Beratungsfirma zu engagieren. Was dazu in welchen Gremien besprochen und verabredet wurde, welcher Zeitrahmen vorgesehen ist, welche Verbindlichkeit die Ergebnisse, z.B. empfohlene Standards für die Mindestausstattung der öffentlichen Bibliotheken haben sollen – wir wissen es nicht, denn es gibt keine fortlaufende Information der Öffentlichkeit, die Bürgerinnen und Bürger sind ausgeschlossen von diesem Prozess. Am 17.4.19. erreichte uns auf verschiedenen Medienkanälen die Meldung, dass der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses 33,5 Mill € für die öffentlichen Bibliotheken freigegeben hat, um sie „fit zu machen für die Digitalisierung“. Das klingt viel, aber davon sind allein 17 Mill. € vorgesehen für die Erneuerung der RFID-Verbuchung, die Modernisierung technischer Ausstattungen und die Digitalisierung, wobei nicht klar ist, für welche Digitalisierungsprojekte. 12 Mill. €. Sind vorgesehen für die dezentrale Kulturinfrastruktur der Bibliotheken, als Beispiele genannt werden ‚mobiles Mobiliar, veranstaltungsspezifische Technik, flexible Raumtrennungen‘. Bibliotheken sollen unter Hinweis auf das Strategiepapier des Senats vom 18.7.2016: „Attraktive Bibliotheken für die Metropole Berlin“ als sogenannte ‚dritte Orte‘ (neben der Wohnung und dem Arbeitsplatz) hergerichtet werden, Bibliotheken sollen als „Begegnungsort und öffentliches Wohn- und Arbeitszimmer“, als „Foren politischer Partizipation für die Kiez- und Metropolgesellschaft“ und als „Ausdruck der Berliner Willkommenskultur“ funktionieren. Aber die Abschaffung der neoliberalen KLR wird auch vom derzeitigen Kultursenator – im Gegensatz zum Programm seiner Partei Die Linke vor den Wahlen – nicht angestrebt und inhaltliche Weichenstellungen für den Aufbau qualitätsorientierter Buch- und Medien-bestände sowie fortgeschrittener Dienstleistungen für alle NutzerInnen im IT-Bereich (z.B. Discovery-Systeme für sehr viele bessere Suchergebnisse bei Recherchen) werden nicht in Angriff genommen. Die Bürgerinitiative (vormals: Arbeitskreis) Berliner Stadtbibliotheken hat Dr.Klaus Lederer in einem Brief vom 22.4.2017 zu einer grundsätzlichen Kehrtwende in der Berliner Bibliothekspolitik aufgefordert und ihn dringend gebeten, notwendige Schritte zu einer Verbesserung der mehr als bescheidenen Lage der Berliner öffentlichen Bibliotheken einzuleiten. Nach einer völlig unbefriedigenden Antwort, die darauf schließen ließ, dass es für ihn bzw. seine nachgeordneten MitarbeiterInnen zu viel der Mühe war, unseren Forderungskatalog genauer durchzulesen, haben wir dem Senator am 21.8.2017 die Forderungen noch einmal in Kurzform, in einem 7-Punkte-Programm übermittelt. Unsere Forderungen lauten: 1. Abschaffung der Kosten-Leistungs-Rechnung wegen ihrer schädlichen und kontraproduktiven Auswirkungen auf die Bestandsqualität aller Bezirksbibliotheken und auf die gleichwertige Versorgung aller Berliner BürgerInnen mit Bibliotheksdienstleistungen. 2. Massive Aufstockung der den Bezirken zugewiesenen Erwerbungsetats, um differenzierte, an den tatsächlichen Bedürfnissen der BenutzerInnen orientierte Buch- und Medienbestände aufbauen zu können. 3.Qualitativ anspruchsvolle, von FachkollegInnen vor Ort ausgewählte Buchbestände bleiben für die BenutzerInnen das Kernangebot öffentlicher Bibliotheken, der Beweis dafür wurde in mehreren, auch internationalen Umfragen erbracht. Die Standing Order/Outsourcing-Praxis, die Auftragsvergabe an auswärtige Buch-Großkaufhäuser muss abgeschafft werden, da sie die schrittweise Privatisierung einer Kernaufgabe der öffentlichen Bibliotheken, eines Bestandsaufbaus, der dem Gemeinwohl verpflichtet ist, bedeutet. Aussonderungen aus den Beständen dürfen nur aus inhaltlichen Gründen vorgenommen werden, nicht primär, um die Umsatz- oder KLR-Statistik zu verbessern. 4. Ein umfassendes Sonderprogramm für die Sanierung und Neugestaltung der Bezirksbibliotheken ist erforderlich (Kostenschätzung: ca. 50 Mill. €), zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität und der Nutzungsmöglichkeiten für alle StadtteilbewohnerInnen, 5. Aufstockung des Personals nach anerkannten Kennzahlen vorhandener Bibliotheksentwicklungspläne. Zügige Bearbeitung und Inkraftsetzung eines Berliner Bibliotheksentwicklungsplans und eines Berliner Bibliotheksgesetzes, dass die ausreichende Ausstattung und Finanzierung der Bezirksbibliotheken zu Pflichtaufgabe macht, 6. Beschleunigter Ausbau der ZLB an dem inzwischen endlich festgelegten Standort (Blücherplatz), unter Berücksichtigung der notwendigen und zukünftigen Aufgaben als funktionierende zentrale Servicebibliothek für alle Bezirke. 7. Der begonnene, von der Senatspolitik hochgelobte Einstieg in die „Digitalen Welten“ bedeutet nicht automatisch eine qualitative Verbesserung. Es geht um die umfassende Erhöhung der Qualität aller Serviceangebote der öffentlichen Bibliotheken, analog und digital. Eine weitere Forderung, die wir als Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken inzwischen entwickelt und am 18.3.2019 auf dem Bibliothekskongress in Leipzig vorgetragen haben, möchten wir jetzt ergänzen, sie lautet: „Bürgerrat statt Mitmachfalle. Ein Vorschlag zur Partizipation an öffentlichen Bibliotheken.“ Wir fordern die direkt-demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an ‚ihrer‘ Bibliothek, echte Anhörungs- und Mitentscheidungs-rechte in einem Bürger- und Zukunftsrat Bibliotheken. Wir sind der Überzeugung, dass ein solcher Rat in Hinblick auf demokratische Legitimität, Qualität, Innovation und praktische Umsetzung der Wünsche der BürgerInnen eine bessere und konsensfähigere Aufgaben-erfüllung im Sinne des Gemeinswohls gewährleistet, als dies ohne seine Beratung und Mitentscheidung der Fall ist. Letzte Überarbeitung: 29.4.2019 Frauke Mahrt-Thomsen

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