Kritische Bibliothek
Stellungnahme der Bürgerinitiative zum Rahmenkonzept Biliotheksentwicklungsplanung Berlin

Die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken hat nach intensiver Durcharbeitung und Diskussion des Textes eine Stellungnahme zum Rahmenkonzept Bibliotheksentwicklungsplanung Berlin veröffentlicht, zunächst auf der Beteiligungsplattform des Berliner Senats,
s. https://mein.berlin.de/text/paragraphs/1804/.
Wegen der unzureichenden Darstellungsmöglichkeiten dort (Kommentare sind nur bei einzelnen Kapiteln möglich, begrenzter Zeichenumfang nötigt zur Verteilung auf zwei Einträge, keine Übernahme der Formatierungen) stellen wir den vollständig formatierten Text auf diese Webseite zur Verfügung und würden uns über Weiterverbreitung und Kommentare freuen.
Unsere Stellungnahme wurde auch in der BERLINER WOCHE veröffentlicht,
s.  https://www.berliner-woche.de/charlottenburg-wilmersdorf/c-kultur/rahmenkonzept-fuer-die-bibliotheksentwicklungsplanung-berlin_a288403.

Außerdem ist am Sonnabend, dem 24.10.20 (Tag der Bibliotheken!) in der Tageszeitung Junge Welt ein Artikel der Journalistin Gudrun Giese erschienen, in dem nach einem Interview mit Frauke Mahrt-Thomsen die wichtigsten Forderungen und Einschätzungen der Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken wiedergegeben werden:
s. https://www.jungewelt.de/artikel/388976.bildungsauftrag-statt-kommerz-im-konzept-kommt-das-wort-buch-nicht-vor.html

Unsere Stellungnahme:

Berlin treibt seinen öffentlichen Bibliotheken die Bibliothek aus
Kritik des Rahmenkonzepts für die Bibliotheksentwicklungsplanung Berlin

Das neue Rahmenkonzept für die Bibliotheksentwicklungsplanung Berlinlegt die Defizite der öffentlichen Bibliotheken des Landes Berlin rückhaltlos offen. Das ist sein großes Verdienst (1). Hier wird eindrücklich erstmals offiziell zugegeben, was die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken schon sehr viel früher als Problem aufgeworfen hatte (2).

Kapitel 6 „Die Berliner Bibliotheken im Kennzahlenvergleich – Status Quo und Entwicklungsbedarf“ führt umfassend die Verwüstungen vor, die die neoliberalen Konzepte hinterlassen haben. Dabei werden entscheidende Defizite noch nicht einmal erwähnt – wie die berüchtigte Kosten-Leistungs-Rechnung und die Privatisierung der Buchauswahl fast aller öffentlichen Bibliotheken des Landes durch die Übergabe dieser originär gemeinnützigen Kernaufgabe vorwiegend an Buchkaufhäuser.

Es ist ein Verdienst des Rahmenkonzepts, anerkannte Standards für öffentliche Bibliotheken in Deutschland als Wegmarken fest einzuschlagen für eine zukünftige Bibliotheksentwicklung des Landes Berlin, die durch ein Bibliotheksgesetz abgesichert werden soll. In der zuständigen Arbeitsgruppe für Standards hat auch die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken mitgearbeitet.

Bei allen Vorzügen sind die Defizite des Rahmenkonzepts jedoch nicht zu übersehen. Der Begriff „Rahmen“ sagt alles. Wo bleibt das Bild? Vieles scheint nur vage auf, ohne dass klare Prioritäten und reale Zeithorizonte angegeben werden. Es wird eine Flut von neuen Gutachten zu verschiedenen Teilbereichen gefordert, um überhaupt handeln zu können. Es werden keine Prioritäten gesetzt, keine Sofortmaßnahmen gegen die aktuelle Misere verlangt, kein notwendiger Ablauf der vorgeschlagenen Maßnahmen festgelegt. Es gibt also letztlich keine konkrete Strategie, nach der man jetzt handeln könnte.

Die Konzepte der ersten Kapitel, die die Bibliothek vorwiegend zum sozialen Ort erklären, sind eigentlich nur Behauptungen, die legitimiert werden durch die genannten hohen Besucherzahlen – was zum ständig zitierten Schlagwort von der „meist besuchten kulturellen Einrichtung Berlins“ wird.  Dabei basieren ausgerechnet diese Besucherzahlen doch vor allem auf der Buch- und Medienausleihe, die aber in den Zukunftsplanungen des Rahmenkonzepts dann so gut wie nicht berücksichtigt wird.Das Rahmenkonzept  verbirgt  diese Tatsache schamhaft hinter dem Label „mediengeprägter Bildungs-, Kultur- und Begegnungsort“. So wird der eigentliche Zweck der öffentlichen Bibliothek zum Randphänomen erklärt. Das Wort „Buch“ ist ein Tabu. Auf den 103 Seiten kommt es nur im kleinen Kapitel zum Medienwandel vor. Wo bleibt da der Realitätsbezug?

Die Buchbestände der Bibliotheken sind niemals nur ein „Bücherlager“. Im Zentrum öffentlicher Bibliotheken steht immer der lesende Mensch. Auf ihn richten sich alle ihre Bemühungen. Dafür wurden sie von der Gesellschaft eingerichtet und mit Privilegien im Urheberrecht ausgestattet. Ihr Alleinstellungsmerkmal besteht in ihrer Aufgabe, den Marktmechanismus außer Kraft zu setzen und für ihr je eigenes Publikum einen Buch- und Medienbestand als Sammlung – also in einem sinnvollen Zusammenhang nach kulturellen und wissensbasierten Kriterien – aufzubauen, der gerade nicht allein von der jeweiligen Aktualität bestimmt ist.

Eine öffentliche Bibliothek als Ort ohne Bücher ist also auch in Zukunft nicht denkbar. Das gilt besonders in Deutschland. Denn unser Land ist eine Buchnation, die mit dem zweitgrößten Buchmarkt der Welt eine einzigartig vielfältige Verlagslandschaft hervorgebracht hat. Ein großer Teil des gesellschaftlichen Austauschs läuft bei uns über das Medium Buch. Es ist deshalb keine Übertreibung zu sagen: Das Buch ist das wichtigste Kulturmedium in Deutschland.

Unsere Gesellschaft unterhält mehrere Tausend gemeinnützige Einrichtungen, damit  wirklich alle Zugang zu Büchern haben und dass dies nicht an die materiellen Verhältnisse des Elternhauses oder an den eigenen sozialen Status gebunden ist. Es ist ist eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Bibliothek, dies zu gewährleisten.

Jörg Bong, ehemaliger verlegerischer Geschäftsführer der S. Fischer Verlage, hat unter dem Titel „Das Buch ist eine starke Waffe für die Demokratie“ pointiert zusammengefasst, warum das Medium Buch für unsere Gesellschaft unverzichtbar ist: „Das Buch vermag einer hyperkomplexen Realität zu genügen. Das schafft kein Tweet … Das Buch ermöglicht die eingehende Auseinandersetzung. Es erlaubt, den Dingen auf den Grund zu gehen … Es gestattet Zusammenhänge herzustellen. In Ruhe und mit Zeit …“ (3)

Das zentrale Stichwort heißt Emanzipation: dass der einzelne Mensch sich seiner selbst und der fremden Welt der Anderen bewusst und so zum sozialen Wesen wird. Dienen die im Rahmenkonzept vorgestellten sechs Leitideen diesem Ziel? Das muss verneint werden. Das Rahmenkonzept zielt viel zu sehr auf die Funktionalisierung der Menschen für fremde Zwecke; es zielt auf die Menschen als Objekte, die es zu unterrichten und zu schulen gilt. Deshalb kommt der lesende Mensch als souveränes Individuum auch nicht vor.

Wozu ein rein funktionales Verständnis der öffentlichen Bibliothek nach dem Muster des hier kritisierten Rahmenkonzepts führen kann, zeigt ganz praktisch der Bibliotheksentwicklungsplan für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, zu dem die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken ausführlich Stellung genommen hat (4).

Sofortmaßnahmen für die öffentlichen Bibliotheken

  • Sanierung aller öffentlichen Bibliotheken und gegebenenfalls Ausbau: bessere Aufenthaltsqualität, behindertengerecht, gemeinschaftlich nutzbare Räumlichkeiten, offene Medienpräsentation
  • Öffnungszeiten der öffentlichen Bibliotheken als „Open Libraries: 8-22 Uhr
  • Bessere Systeme der Mediensuche
  • Erhöhung der Erwerbungsetats aller Bezirke auf 2 Euro je Einwohner 
  • Bestandsauswahl durch die Bibliotheken selbst
  • Abschaffung der Transportgebühren zwischen den Bibliotheken
  • Stärkung der Zentral- und Landesbibliothek als übergeordnetes Bestandszentrum des VÖBB; Vergrößerung des Freihandbestands dort
  • Personalaufstockung auf anerkannten Sollwert von 1 Stelle je 3000 Einwohner
  • Ausstattung aller Schulen mit Schulbibliotheken: dringend in allen Grundschulen; dann für alle ISS, OSZ und Gymnasien
  • Einrichtung von Bibliotheks-Bürgerräten in allen Bezirken und der ZLB nach dem Modell des Berliner Wassertischs
  • Abschaffung der Kosten-Leistungs-Rechnung (KLR); stattdessen je nach  Einwohnerzahl Pauschalzuwendungen an die Bezirke

                                                  Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken

Fußnoten:

1. Die Berliner Öffentlichen Bibliotheken – mediengeprägte Bildungs-, Kultur- und Begegnungsorte. Rahmenkonzept für die Bilbiotheksentwicklungsplanung Berlin. Steuerungsausschuss. Berlin, September 2020.  https://www.berlin.de/sen/kultur/kultureinrichtungen/bibliotheken-und-archive/bibliotheksent-wicklungsplanung/

 2. Frauke Mahrt-Thomsen: Die Berliner öffentlichen Bibliotheken von der Wende bis zur Gegenwart. Vortrag auf dem Bibliothekstag 2011 am 7.6.2011 in Berlin. https://www.kribiblio.de/wp-content/uploads/2011/11/BerlinTeil_2.pdf

3. Jörg Bong: Das Buch als Kulturgut. Eine starke Waffe für die Demokratie. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.1.2018.  https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/das-buch-ist-eine-starke-waffe-fuer-die-demokratie-15369153.html

4. Michael Roeder: Bibliotheksentwicklungsplan Charlottenburg-Wilmersdorf – Eine Kritik. In: Berliner Woche. Charlottenburg-Wilmersdorf/Kultur (Website). 27.7.2020. https://www.berliner-woche.de/charlottenburg-wilmersdorf/c-kultur/bibliotheksentwicklungsplan-charlottenburg-wilmersdorf-eine-kritik_a281560

2 Kommentare zu Stellungnahme der Bürgerinitiative zum Rahmenkonzept Biliotheksentwicklungsplanung Berlin

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