Kritische Bibliothek
Warum bleiben Bibliotheken zu…


Pressemitteilung der Bürgerintiative Berliner Stadtbibliotheken
vom 8.2.3021:

„Warum bleiben Bibliotheken zu, wenn Buchhandlungen geöffnet sind?“

… fragte eine vom Lockdown schwer gebeutelte Mutter vor der verschlossenen Eingangstür der Bezirkszentralbibliothek Steglitz-Zehlendorf im  Einkaufszentrum „Das Schloss“. Ja, Deutschland hat zwar in der ganzen Welt die größte Zahl an Buchhandlungen pro Kopf der Bevölkerung und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, auch ein großer Freund der Bibliotheken, hat die Buchhandlungen als „geistige Tankstellen“ bezeichnet und ihre Öffnung in der Pandemie verteidigt. Aber der Treibstoff für unsere Phantasie und unseren Verstand ist dort sehr, sehr teuer und für viele nicht erschwinglich.

Deshalb unterhält unser Land, das den zweitgrößten Buchmarkt der Welt hat, mehrere Tausend gemeinnützige Einrichtungen dafür, dass wirklich alle daran teilhaben können und der Zugang zu Büchern nicht an die materiellen Verhältnisse des Elternhauses oder an den eigenen sozialen Status gebunden bleibt. Das muss auch so sein, denn das Buch ist nach wie vor das wichtigste Kulturmedium in Deutschland. Es muss allen offen und frei zur Verfügung stehen. Und dafür gibt es die öffentlichen Bibliotheken. Sie sollen ja gerade den Marktmechanismus außer Kraft setzen und im Interesse ihres Publikums einen Buchbestand als Sammlung, also in einem sinnvollen Zusammenhang nach kulturellen und wissensbasierten Kriterienaufbauen, der nicht allein von der jeweiligen Aktualität und dem Marktgeschehen bestimmt ist.

Die Berliner öffentlichen Bibliotheken können also nicht geschlossen bleiben, wenn man den Buchhandlungen in Berlin klugerweise die Öffnung erlaubt. Beide werden im Lockdown gebraucht, die Bibliotheken wegen ihrer größeren Vielfalt und ihren historisch gewachsenen Beständen sogar noch viel mehr.

In der Diskussion zum laufenden Lockdown am Mittwoch, dem 20.1.2021 im Berliner Senat hatten sich einige Politiker sogar ganz klar für eine Teilöffnung der Bibliotheken ausgesprochen, explizit „aus sozialen Gründen“. Doch zwei Tage später, am 22.1.2021 entschieden sich 11 von 12 Bezirken im Verbund öffentlicher Bibliotheken Berlins (VÖBB) für eine sofortige Schließung zum nächsten Tag, dem 23.1.2021 für die nächsten drei Wochen bis zum 14.2.2021. Als Grund wurde genannt: ein Öffnungskonzept sei unter Pandemie-Bedingungen „organisatorisch und personell“  nicht zu schaffen. Sicherlich geschah das auch aus Verantwortung für die Beschäftigten und die Nutzer*innen ihrer Einrichtungen. Das Infektionsrisiko ist schließlich hoch und die Bibliotheken nehmen es mit den geltenden Hygienekonzepten zu Recht sehr genau.

Ebooks können das Buchangebot nicht ersetzen

Nun aber steht eine Debatte an, wie es am 14.2.2021 mit den öffentlichen Bibliotheken weitergehen soll. Genügt es dabei wirklich, auf die digitalen Online-Medien zu verweisen und dafür einen kostenlosen Ausweis für den Download anzubieten, wie es der VÖBB großzügigerweise getan hat? Einen kleinen Eindruck gewinnt man beim Blick in das eBook-Angebot der Onleihe und von Overdrive, einem US-Anbieter, der dem Beteiligungsfond KKR in New York gehört. Bleiben wir also in den USA und versuchen wir es mit dem  Autor Ernest Hemingway! Geboten werden als eBooks 2 deutschsprachige Titel, 1 englische Originalausgabe und zwei französische Übersetzungen. Das ist offensichtlich zu wenig für einen Bibliotheksbestand. Auch die aktuelle Biographie über Kamela Harris, die Vizepräsidentin der USA, gibt es im VÖBB mehrfach als Buch, doch das eBook fehlt. Ebooks können das Buchangebot also nicht ersetzen.

Gegen ein Solo-Angebot von eBooks spricht auch, dass viele Nutzer*innen ganze Tage im Home Office verbringen und dann nicht auch noch Bücher am Bildschirm lesen wollen, zumal die Anzahl der Geräte im häuslichen Bereich oft begrenzt ist.

Unser Augemerk sollte hierbei aber besonders den Kindern gelten, die ja zu den intensivsten Nutzern der öffentlichen Bibliotheken zählen – und die sie auch meisten brauchen! Wer einmal in einer Kinder- oder Schulbibliothek gearbeitet hat, weiß, mit welcher Begeisterung sie Bücher lesen und wie wichtig ein vielfältiges Angebot für sie ist.

Ebooks sind hier nicht das Medium der Wahl, schon gar nicht in Zeiten des Home-Schooling mit Onlinechat. Die Onlinezeiten von Kindern und Jugendlichen sind in der Pandemie exzessiv gestiegen, von täglich 80 Minuten auf 140 Minuten. Bei Online-Spielen gab es eine Steigerung um 75%, wie die letzte Studie von DAK und der Universitätsklinik Hamburg ergab https://www.dak.de/dak/bundesthemen/computerspielsucht-2296282.html#/ . Für Kinder muss es also gerade im Lockdown ein Buchangebot der öffentlichen Bibliotheken geben, damit sich alle unabhängig von ihrer sozialen Herkunft weiterentwickeln können.

Coronazeit ist Lesezeit: 3 Wege zum Buch aus der Bibliothek

Was ist also zu tun nach dem 14.2.2021, wenn der Lockdown aller Voraussicht nach weitergeht?

In drei Schritten können die öffentlichen Bibliotheksbestände wieder zugänglich werden, ohne dass man das Infektionsrisiko erhöht und Kompromisse beim Hygienekonzept macht. Ein Weiterso wie in den drei Wochen bis zum 14.2.2021, womöglich noch sieben Wochen lang bis Ostern, kann es keinesfalls geben. Alle unsere Vorschläge sind einfach zu realisieren. Sie sind bereits von einigen VÖBB-Teilnehmern oder auch von Bibliotheken im Umland erfolgreich erprobt worden.

  • Im letzten Lockdown hatte die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) vom 11.5.2020 an einen kontaktlosen Bestell- und Abholservice („Click & Collect“) angeboten. Dafür hat man sich die Bücher zunächst im Online-Katalog des VÖBB reserviert. Nach einer Bestätigung per Mail konnte man die Medien dann an gegen Aerosole gesicherten Schaltern in der Bibliothek abholen. Die Auswahl war auf 10 Medien aus dem Freihandbestand und 5 aus dem Nahmagazin kontingentiert. Die Abholzeiten wurden reduziert. Das Verfahren selbst war also insgesamt personalsparend.

            Wenn jeder der 12 Bezirke seine Zentralbibliothek mit den umfangreichsten Beständen im         Bezirk zur Bestellung freigibt und für die Abholung entsprechend herrichtet          (Bereitstellungsregale, Tresen und Warteraum mit Abstandsmarkierungen), kann der größte         Teil der Bestände in den öffentlichen Bibliotheken wieder zugänglich gemacht werden.           Allein die ZLB mit ihren zwei Abholstellen steht schon für die Hälfte des       Gesamtbestands im VÖBB.

  • Für Kinder und ihre Eltern muss es einen besonderen Service geben. Eine gezielte Auswahl und Bestellung zuhause am Katalog kann man ihnen nicht zumuten. Stattdessen sollten Überraschungstüten mit je 10 Kinderbüchern jeweils nach Altersgruppen sortiert bereitgestellt werden, die man an den Schaltern der 14 Bibliotheken abholen kann. Viele kleinere Bibliotheken wie z.B. in Neuenhagen bei Berlin haben das das Verfahren während des Lockdowns bereits erfolgreich praktiziert.
https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/beitraege/2021/01/bibliotheken-bieten-kontaktlose-ausleihe.html
  • Der Berliner VÖBB hat ein sehr modernes elektronisches Nachweis- und Verbuchungssystem. Ein besonderer Vorteil dieses Sytems sollte jetzt in der Pandemie voll ausgespielt werden. Der VÖBB-Katalog erlaubt nämlich die Bestellung und den Versand aus allen Bibliotheken an die Bibliothek in der Nähe des eigenen Wohnorts – gegen eine Gebühr. In der Pandemie sollte diese Transportgebühr entfallen, so dass man Bestellungen aus den freigegebenen 12 Bezirkszentralbibliotheken und den zwei ZLB-Bibliotheken an die dem eigenen Wohnort nächstgelegne der insgesamt 14 freigegebenen Bibliotheken schicken kann. Der Rückversand könnte auch von dieser nächstgelegenen Bibliothek erfolgen, ebenfalls kostenlos. Das würde den Nutzer*innen unnötig lange Wege während der Pandemie ersparen und das Infektionsrisiko noch weiter senken. Erwünschter Nebeneffekt: Nahezu der gesamte Medienbestand im VÖBB stünde in der Bibliothek des eigenen Bezirks zur Verfügung.

Unser Vorschlag ist ein Minimalkonzept, das unter allen Umständen der Pandemie verwirklicht werden kann.

Das zeigen nicht nur die schon länger geöffneten Buchhandlungen, sondern auch die Vorbilder anderer Bibliotheken in unserer Region. Die Zentralbibliotheken der Humboldt-Universität und die der Freien Universität sind neben weiteren Teilbibliotheken auch für das allgemein Publikum geöffnet. Die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam betreibt mitten in der Pandemie erfolgreich einen kontaktlosen Bestell- und Abholservice („Click & Collect“).

Niemand kann guten Gewissens den Berlinerinnen und Berlinern die Medienbestände ihrer öffentlichen Bibliotheken nach dem 15.2.2021 vorenthalten.

Die BürgerinitiativeBerliner Stadtbibliotheken

Die Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken engagiert sich für die Gegenwart und Zukunft der Berliner öffentlichen Bibliotheken, nicht zuletzt durch die aktive Mitarbeit am Prozess des Bibliotheksentwicklungsplans Berlin (siehe https://www.kribiblio.de/?p=1429 ), bei Anhörungen im Ausschuss für kulturelle Angelegenheiten des Abgeordnetenhauses, oder auch in einzelnen Bezirken

https://www.berliner-woche.de/charlottenburg-wilmersdorf/c-kultur/bibliotheksentwicklungsplan-charlottenburg-wilmersdorf-eine-kritik_a281560

Kontakt:

Bürgerinitiative Berliner Stadtbibliotheken

c/o Frauke Mahrt-Thomsen

frauke.mahrtthomsen@gmail.com

www.kribiblio.de

3 Kommentare zu Warum bleiben Bibliotheken zu…

  1. Jon sagt:

    „Das Verfahren selbst war also insgesamt personalsparend.“ – Das war es ganz und gar nicht! Sie haben offenbar keine Ahnung, wie viele Mitarbeiter*innen im Hintergrund benötigt wurden, um diesen Service zu ermöglichen.

  2. B. Ibliotheksmitarbeiter_in sagt:

    Dann setzen sich bitte auch diejenigen Menschen an die Informationsplätze der Bibliotheken, die die Öffnung hier so vehement fordern!

    Die Belegschaft ist zu schützen. Die Hygienekonzepte sind ein Witz, es sind nicht mal überall FFP2-Masken für die Mitarbeiter_innen vorhanden. Vor der Schließung wurden wir täglich von Corona-Leugnern und Verharmlosern beleidigt, bepöbelt und sogar bespuckt. Täglich meinten überpriviligierte Familien, die offene Bibliothek sei ja auch der letzte geöffnete Indoor-Spielplatz für die gesamte Familie, in den man sich täglich für Stunden zum Aufenthalt begeben könne. Die Schließung der Bibliotheken für den Publikumsbetrieb ist und bleibt das einzig Richtige. Die hier genannten ten Vorderungen sind ein Schlag ins Gesicht der Mitarbeiter_innen.

  3. Tatjana sagt:

    Das Minimalkonzept was Sie vorschlagen ist nicht so einfach zu verwirklichen wie Sie es gerne hätten.
    Zudem hat niemand jemanden daran gehindert sich Bücher auf Vorrat zu holen.
    Die Zeiten sind unsicher und es musste und muss jederzeit damit gerechnet werden, dass Geschäfte und Einrichtungen schließen müssen.
    Und weil so oft auf das Thema Home-Schooling eingegangen wird …
    Die Schulbücher stehen wie angewachsen in den Regalen. Romane, Zeitschriften, Konsolenspiele und DVDs sind der Renner bei den Teenagern und Erwachsenen.
    Ich glaube es ist in einer Pandemie möglich, Mal ein paar Wochen ohne die „Brigitte“, „Burda“ oder den neusten Fitzek auszukommen.

    Ich bin froh über die Schließung. So konnte ich meine Kontakte um einiges reduzieren und muss nicht befürchten mich doch noch mit Corona anzustecken, weil ich jedem zweiten Menschen erklären muss, wie die Maske vernünftig zu tragen ist.

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